Literatur Interview mit Sven Regener

Interview mit Sven Regener

IMMERNOCH EIN BREMER

Sven Regener
Wiener Straße
Der Roman beginnt im November 1980, an dem Tag, an dem Frank Lehmann mit der rebellischen Berufsnichte Chrissie sowie den beiden Extremkünstlern Karl Schmidt und H. R. Ledigt in eine Wohnung über dem Café Einfall verpflanzt wird, um Erwin Kächeles Familienplanung nicht länger im Weg zu stehen. Eine Geschichte voll schräger Vögel in einer schrägen Welt.
Galiani Berlin: 22€

Sven Regener ist Musiker (Element Of Crime) und Schriftsteller. 2001 veröffentlichte er seinen ersten Roman, ‘Herr Lehmann’, der sich weit über eine Million mal verkaufte. Es folgten die Romane ‘Neue Vahr Süd’ (2004), ‘Der kleine Bruder’ (2008) und ‘Magical Mystery oder ‚Die Rückkehr des Karl Schmidt’ (2013). Sven Regener lebt in Berlin. Mit dem gebürtigen Bremer führte BREMER-Autorin Fanny Quest ein exklusives Interview.

Juhu! Wieder ein Roman mit der beliebten Figur Herr Lehmann, doch diesmal nur in der Nebenrolle?
Frank Lehmann ist dabei, aber die Geschichte ist, anders als bei der Herr-Lehmann-Trilogie, nicht ausschließlich aus seiner Perspektive erzählt. Ich würde deshalb nicht gleich von einer Nebenrolle sprechen, ich würde sagen, er spielt eine von mehreren Hauptrollen in der Geschichte.

Mit Namen wie P. Immel, Kacki oder der ArschArt-Galerie scheinst Du einen Hang für skurrile Namen zu haben. Warum gerade solche Namen?
Das sind alles Wiener Aktionskünstler, von denen Sie da sprechen, die sind extrem drauf und machen dann auch bei der Namenswahl keine halben Sachen. Das sind Provokationsversuche, die aber auch damals schon eher ins Leere liefen, jedenfalls bei den Berlinern, die, wie es sprichwörtlich heißt, sowas ja nicht mal ignorieren.

Wieso die Thematik der Westberliner Kunstszene der 80er Jahre?
Man muss die Geschichten aufschreiben, wie sie einem einfallen. Am Ende von ‘Der kleine Bruder’ sah es so aus, dass die da alle in diese eine Wohnung über dem Café Einfall einziehen müssen, weil Erwin Kächele ein Kind bekommt und seine Wohnung in der Reichenberger Straße jetzt ganz alleine braucht. Das hatte, zusammen mit Nachbar Marko und den Wiener Aktionskünstlern einen großen Sitcom-Charme, da konnte ich nicht widerstehen.

Waren die ‘schrägen‘ Typen früher ‘schräger‘ als heute?
Nein, nicht unbedingt. Naja, irgendwie schon. Vieles war damals neu und die Energie war ungeheuer. Die erste Hälfte der 80er Jahre in Berlin waren eine sehr experimentelle, unspießige Zeit und alles, was Kunst war, war stark vom Punkrock beeinflusst, das half. Und jeder konnte mitmachen. Das brachte viel Exzentrik nach oben.

Deine Bücher spielen vor der Wende. Warum gerade diese Zeit und kein Roman der Gegenwart?
Mein voriger Roman, ‘Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt’ spielt 1995, insofern gibt es da auch Ausnahmen. Aber da, wo meine Bücher von Leuten zwischen 20 und 30 handeln, lasse ich sie in Bremen oder in Berlin spielen und dann zu einer Zeit, in der ich selber dieses Alter hatte, weil ich dann am besten weiß, wie sich das anfühlt. Und das sind dann die 80er Jahre.

Zu der Zeit selbst warst Du um die 20? Welchen Bezug hattest Du da noch zu Bremen?
1980 war ich gerade bei der Bundeswehr. In Dörverden-Barme. Und wohnte am Wochenende in Bremen. Nach Westberlin ging ich erst 1982. Vorher war ich noch ein Jahr in Hamburg.

Was waren damals Deine Lieblingstreffpunkte in Bremen und welche Lokalitäten ziehen Dich heute an, wenn Du mal hier bist?
In den siebziger Jahren gab es natürlich das Litfass, das ist eine der wenigen Konstanten im Viertel, dann das Bremer Eck, das gibt es nicht mehr, ebensowenig das Storyville, dann gab es die Kneipe Am Steinernen Kreuz, die alle Türke nannten, obwohl sie eigentlich Steinernes Kreuz oder so hieß. An Discos gab es den Römer, die Lila Eule natürlich und das Why Not, das aber wohl nicht mehr existiert. Auch wichtig: Der Vahraonenkeller in der Berliner Freiheit. Heute gehe ich nicht mehr viel in Kneipen in Bremen, aber wenn, dann ist mir alles recht, dann muss es nicht unbedingt nostalgisch werden.

Bist Du vom Bremer zum Berliner konvertiert?
Ich würde nie sagen, dass ich Berliner bin. Ich sage immer, dass ich ein Bremer bin, der in Berlin wohnt. Ich wohne zwar schon länger in Berlin, als ich je in Bremen gewohnt habe, aber die ersten 20 Lebensjahre machen einen letztendlich zu dem, was man ist.

Schlägt Dein Herz für Werder?
Auf jeden Fall.

Bist Du lieber Musiker mit Element Of Crime oder Autor?
Ich würde das nicht gegeneinander ausspielen wollen. Es schließt sich ja auch nicht gegenseitig aus.

Was wärst Du gerne noch geworden, wenn nicht Autor?
Barkassenfahrer im Hamburger Hafen.

Hast Du ein Lebensmotto?
Nein, es geht auch ohne.

(Foto: Charlotte Goltermann)

BREMER Oktober 2019
BREMER Oktober 2019