Dr. Frank Berzbach wurde 1971 geboren. Er unterrichtet Psychologie an der ecosign Akademie für Gestaltung und Kulturpädagogik an der Technischen Hochschule Köln. Er hat als Wissenschaftler, Journalist, Fahrradkurier, Technischer Zeichner, in der Psychiatrie und als Buchhändler gearbeitet. Seit vielen Jahren ist er Zen-Praktizierender, bleibt aber katholisch. Er arbeitet zu Fragen achtsamkeitsbasierter Psychologie, Arbeitspsychologie, Kreativität, Spiritualität, Mode, Popmusik und Popkultur. Über sein neues Buch führte BREMER-Autorin Fanny Quest ein exklusives Interview.

BREMER: Sie beziehen sich in ihrem Buch auf Puzzle, wofür stehen diese im Leben?
Dr. Frank Berzbach: Der Alltag zerfällt in viele Puzzlestücke. Um ein Puzzle zusammen setzen zu können, sollten wir zuerst die Ecken legen – und dies nehme ich als Bild: Wir müssen unserem Leben selbst einen Rahmen geben. Nur innerhalb dieser Begrenzung können wir frei sein und es kann ein stimmiges Bild entstehen.

Wie beeinflussen Formen unseren Alltag?
Wir sind den Formen, die wir selbst prägen, permanent ausgeliefert. Aber wir vergessen, dass wir selbst das alles tun: Wir bereiten unser Essen zu – und sind, was wir essen. Wir kleiden uns und nehmen in dieser Kleidung Haltung an und zeigen uns anderen. Wir wählen die Medien, die wir nutzen, und diese prägen dann unser Wissen. Wir entscheiden, wo wir uns begrenzen und warum. Der Alltag geht leider oft in Gewohnheiten unter. Viele essen einfach, was ihre Eltern gegessen haben – ohne zu überlegen, ob das überhaupt noch zeitgemäß ist. Meine Großeltern kommen aus einer Zeit ohne perverse Ausprägungen der Massentierhaltungen. Sie haben den Krieg erlebt und daher ist Fleischkonsum für sie ein Wohlstandssignal gewesen. Das ist heute aber ganz anders. Sich auch in Bezug der Ernährung von den vorherigen Generationen zu emanzipieren, quasi auch da erwachsen zu werden, halte ich für angebracht.

Welche Unterrichtsform hat sich für Sie bewährt?
Als Hochschuldozent probe ich in einigen Seminaren Formen aus. In meinen Kursen zum Zen-Buddhismus räumen wir die Stühle und Tisch raus, sitzen mit einer Teeschale und dem Kursreader vor uns auf dem Boden. Schuhe aus, Jacken und Taschen verschwinden aus dem Sichtfeld. Nur wer sich einer Form unterwirft, kann deren Wirkung erproben. Im Zen spielt die Form eine sehr große Rolle. Und ich lade dazu ein, das einmal auszuprobieren. Die Rückmeldung ist immer gleich: bessere Ge­sprächs­atmosphäre, ernsthaftere Beiträge, es ist einfacher sich zu konzentrieren. Und das alles nur durch eine strengere Form. Ge­wöhnliche Hochschulseminare sind formlose, Beliebigkeit ausstrahlende Versammlungen. Zu spät kommen, früher gehen, essen, trinken, Smartphone… ich finde das nicht »locker«, sondern fürs Lernen sehr hinderlich. Gegen eine schlechte Form kommt kein Inhalt an.

Was ist für Sie Achtsamkeit?
Darüber gibt es viele Mythen. Achtsamkeit hat nichts mit Well­ness zu tun, sondern ist ein Teil des Edlen Achtfachen Pfades im Buddhismus. Sie taucht dort neben der „rechten Anstrengung“ und der „rechten Konzentration“ auf. Achtsamkeit bedeutet, ohne Bewertungen im gegenwärtigen Moment meinen Körper, meine Gefühle und meinen Geist beobachten zu können. Das erfordert viel Übung.

Was halten Sie von der deutschen Esskultur?
Wenig. Es wird in teuren Autos billiges Zeug gekauft, es wird in teuren Küchen minderwertige Industrienahrung zubereitet. Das ist natürlich überpointiert, es gibt Milieus, in denen ist es anders. Aber im Vergleich zu Italien, Spanien oder Frankreich ist Deutschland ein Land ohne Esskultur. Da gibt es also viel nachzuholen. Ich finde, Billigfleisch sollte man rigide mit einer Steuer belegen. Es gibt Leute, die gießen ihre Blumen mit Milch. Furchtbar!

Wie bleibt die Liebe in einer Beziehung erhalten?
Liebe ist eine Handlungsform und weniger ein Gefühl. Sie entsteht nur im gegenwärtigen Moment und ist eine »erneuerbare Energie«. Sie kann zwar versiegen, aber man kann natürlich einiges tun, damit sie bleibt. Ich glaube, dass Fernbeziehungen belastend sein können; ich glaube, dass Paare viel Zeit für sich und guten Sex brauchen, um dauerhaft glücklich zu sein. Die Antworten auf Ihre Fragen passen eigentlich nicht in ein so kurzes Interview!

Machen Medien unruhig?
Der Geist ist seit Urzeiten unruhig, dazu hat Buddha viel gesagt. Und der hatte kein Smartphone. Der Mensch ist unruhig, nicht die Medien. Medien sind meist nur Sündenböcke, aber das sind sie seit Jahrtausenden.

Was sagt unsere Kleidung aus?
Ob wir ordentlich oder unordentlich sind, ob wir Situationsangemessenheit wahrnehmen können, ob wir protestieren wollen oder ob wir uns zu dieser oder jenen Subkultur bekennen, ob wir uns als bürgerlich verstehen oder uns verstecken wollen, ob wir auf Partnersuche sind oder nicht, ob wir die Demokratie ablehnen oder nicht … Kleidung kann beinah alles.

Wie haben Sie Ihre Erkenntnisse im Privaten umgesetzt?
Wenn ich schreibe, probiere ich vieles selbst aus. Natürlich erhöht sich die Aufmerksamkeit, wenn man sich intensiv mit Themen beschäftigt. Keiner kann 24 Stunden formbewusst agieren, es ist kein Zwang. Ich mag gute Formen, egal in welchem Bereich, daher ist das keine bloße Anstrengung. Seit ich mit dem Buch angefangen habe, ist mein Büro wesentlich ordentlicher und das beruhigt mich, verschafft mir Überblick, ich bin sortierter. Die letzten zehn Jahre als Zen-Praktizierender haben mein Verhältnis zur Form verändert. Früher haben ich es eher als Zwang wahrgenommen, heute sehe ich die großen Gewinne durch Formbewusstsein.

Frank Berzbach
Formbewusstsein
Eine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge

Der Alltag ist die Zeit, in der wir unser Leben verbringen. Die Form, die wir dem Alltag geben, entscheidet schlussendlich darüber, ob das nächste große Ding gelingt, was immer das für Sie ist. Und sie entscheidet darüber, ob das Leben gelingt. Frank Berzbach beleuchtet die alltäglichen Dinge und vernetzt sie. Dabei gibt es Kapitel zur Ernährung, der Liebe, Medien, der Kleidung oder zum Besitz. Er gibt ihnen die grundlegende Bedeutung zurück und ordnet sie in größeren Kontext. Ein Plädoyer für den bewussten Umgang mit sich selbst und anderen. FQ
Verlag Hermann Schmidt 29,80€

(Foto: Jenny Bartsch)