Andreas Altmann arbeitete unter anderem als Privatchauffeur, Anlageberater, Buchclubvertreter, Parkwächter und Schauspieler, bevor Andreas Altmann endlich das fand, was er wirklich machen wollte: die Welt bereisen und als Reporter darüber schreiben. Heute zählt er zu den bekanntesten deutschen Reiseautoren und wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Seine Autobiografie ‘Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend‘ stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt und war Vorlage zu einem Theaterstück. Mit dem in Paris lebenden Bestsellerautor führte BREMER-Autorin Fanny Quest ein exklusives Interview.

BREMER: Was gefällt dir so am Reisen?
Andreas Altmann: Das Abhauen aus dem Jeden-Tag-Leben, das Nichtwissen vorher, das Wissen, dass ich es nachher, vielleicht, weiß. Die notorische Neugier, ja, diese oft lästige Sucht, von Zuständen zu erfahren, von denen ich mir einbilde, dass sie mich reicher machen. Im Kopf.

Du bist weltweit viel unterwegs, hattest du auch mal Angst auf deinen Touren?
Ich bin ein Angsthase, der jedoch am meisten Angst hat, als Feigling dazustehen. Angst kann aber ein kluger Ratgeber sein, sie macht wachsam, sie verführt zum Denken, zum Vordenken, sprich, ich überlege mir genau, ob ich in eine Gefahrensituation hineingehe oder nicht. Für keine Story will ich mein Leben hergeben, ach, für so wichtig halte ich nicht, was ich tue.

Gibt es einen Ort, an dem du dich gerne länger aufgehalten hättest?
Viele Orte, denn vielerorts ist die Welt umwerfend schön. Ich liebe elegante Großstädte nicht anders wie eine Gänseblümchenwiese. Das ist ja der Grund, warum ich in Paris lebe: Schönheit heilt mich, der Blick auf sie tritt so ein flirrendes Gefühl los, betupft mein wundes Herz, tröstet mich über die Mahnmale der Hässlichkeit, der Dummheit, der Anmaßung. Und (kleine) Blumenwiesen gibt es dort auch.

Was macht dich glücklich?
Viele, ach, viele Dinge: Wenn ich morgens aufstehe und vor meinem Fenster die Vöglein zwitschern höre, ach, das Zwielicht ab 7 Uhr früh, ach, eine Mail voller Schwung und Begeisterung, ach, die baldige Aussicht, dass es gleich mäuschenstill sein wird in der Wohnung und ich nichts An­deres tun darf, als tief ins Meer der Wörter zu tauchen: um das Allerschönste zu erledigen, das ein Mensch tun kann: schreiben. Um das Leben auszuhalten, die Scheiß­­tage, die Scheißnächte, die Übergriffe, die Banalitäten, die Vergänglichkeit.

Was hältst du für Zeitverschwendung?
Alles, was nicht kreativ ist. ‘Quality time’ versus Scheißzeit. Alles, was mich daran erinnert, dass ich im Augenblick mein Leben vertrödle. Alles, was mich an die Absurdität des Daseins erinnert. Alles, von dem ich mir gewünscht hätte, dass es nicht stattfindet. Alles, was auf stumpfsinnige Weise mein Leben erniedrigt. Alle, die mir das Böseste antun, haha, das eine/r mir antun kann: mich fadisieren.

Wie kann man den Ablenkungen im Alltag entfliehen?
Indem man „Cut“ sagt und sich nicht darum schert, was den großen Haufen gerade wieder an Schwachsinn in Atem hält. Un­heimliche viele ‘graue Herren’ haben sich vorgenommen, uns mit ihrem Schrott zu beglücken, unheimlich viele Schwachstrombirnen sind als Raubritter unterwegs, unheimlich viele Gerätschaften wurden/werden erfunden, um unsere Lebenszeit totzuschlagen. So wisse: Keiner wird die Welt ändern, du kannst nur lernen, sich diesem toxischen Müll zu entziehen. Eisern, diskussionslos, unbeirrt.

Kann man Achtsamkeit üben?
Gewiss, aber wer damit anfängt, wird bisweilen heulen vor Wut, denn JETZT leben ist eine Heldentat. Man muss durch viele Täler der Tränen, ja, der demütigenden Erkenntnis, wie titanisch die Aufgabe ist: JETZT SEIN, mit allem Deinem. Ich scheitere noch immer, zu oft.

Hast du einen Wunsch?
Dass mich immer wieder das verheerend innige Gefühl überkommt, dass ich existiere. Dass ich meine Zeit auf Erden nicht sinnlos verschleudere. Ach ja, und ein Penthouse in Paris, das wünsche ich mir auch.

Was wärst du gerne noch geworden, wenn nicht Autor?
Amerikanischer Außenminister, dann wüsste ich a), was tatsächlich gespielt wird und b) hätte ich die Gelegenheit, allen Hundesöhnen auf Erden zu begegnen. Und wenn das nicht hinhaut, dann wäre ich gern Innenarchitekt, um Hotelzimmer zu entwerfen, in denen man bleiben will, statt loszuheulen über so viel barbarischen Geschmack. Und bin ich auch dazu nicht fähig, dann wäre ich gern der Nachfolger von Stan Getz und würde die Damen dieser Welt mit atemberaubenden Soli auf meinem Tenorsaxofon beglücken.

Wie siehst du die Zukunft?
Diffus.

Andreas Altmann
Gebrauchsanweisung für das Leben

Dieses Buch ist lesenswert! Das Leben anpacken, rausgehen und Abenteuer zulassen! Mitreißend verfolgt der Leser Andreas Altmanns Abenteuer. Dabei ist er treffend feinfühlig und äußerst tiefsinnig. Altmann zeigt, was das Leben ausmacht. Es geht um nichts weniger als Liebe und Schmerz, um Abenteuer und Freundschaften, Einsamkeit, Religion und den Tod, um Heimat und Sprache. Und um das Reisen und die Erlebnisse, die der Autor auf der ganzen Welt gesammelt hat. Dabei erzählt er von Begegnungen in allen Kontinenten, wie auf einer Lkw-Fahrt durch Afrika, in einem thailändischen Sterbekloster, auf dem Subway in Boston oder mit einem Leprakranken in Äthiopien. In seinen Geschichten erinnert Altmann mit Bravour daran: Das Leben will belohnt werden!
Piper Taschenbuch 15€

(Foto: Ulli Seer)