The Hirsch Effekt – Interview mit Nils Wittrock

Mit der Veröffentlichung ihres Albums ‘Der Brauch’ haben sich die Hannoveraner musikalisch und inhaltlich in eine Richtung begeben, die im Ansatz und Inhalt zurück zum Ursprung geht, aber auch nach vorne schaut. Warum das so war, was existenzielle Zweifel und das Vaterwerden damit zu tun haben, darüber hat der BREMER mit Sänger und Gitarrist Nils Wittrock gesprochen.

BREMER: Bei der Platte habe ich tatsächlich etwas gebraucht, um hineinzukommen – was ja gut zum Titel passt. Das Album wirkt textlich und musikalisch anders als die Vorgänger, stellenweise akustischer und vermeintlich direkter. Beim weiteren Hören fand ich manches jedoch gar nicht mehr so direkt, weil sich zusätzliche Ebenen eröffnet haben. Magst du erzählen, wie die Platte entstanden ist?

Nils: Es gibt uns inzwischen eine ganze Weile, ‘Der Brauch’ ist unser siebtes Album. Über die Jahre hat sich eine gewisse Routine entwickelt: Wir machen eine Platte, gehen damit auf Tour und beginnen anschließend mit dem nächsten Album. 2024 bin ich ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass nun wieder eine Phase ansteht, in der wir ein neues Album angehen. Wir waren im Frühjahr noch mit der vorherigen Platte unterwegs, haben im Sommer eine Europatour mit ‘Caligula’s Horse’ gespielt und in Deutschland Supportshows für ‘Leprous’ absolviert. Das war eigentlich eine gute Phase für uns. Ich musste dann jedoch feststellen, dass meine Bandkollegen nicht ganz auf derselben Wellenlänge waren. Es stand eher die Idee im Raum, etwas weniger zu machen und die Band ein Stück weit rarer werden zu lassen. Für mich stellte sich dadurch ganz persönlich die Frage, was das für mein Leben bedeutet, insbesondere für mein berufliches. Gerade weil diese Band über viele Jahre ein zentraler Bestandteil meines Alltags war. Ich habe schließlich darum gebeten, mich zunächst alleine auf den Weg machen zu dürfen, und habe dafür auch relativ schnell das Okay bekommen. Unabhängig von allen Zweifeln – ich bin über 40, habe ein Kind, finanziell ist das Ganze nicht besonders einträglich, und der große Durchbruch blieb bislang aus – habe ich gemerkt, wie viel Sinn mir allein das Schreiben von Songs und der kreative Ausdruck geben. Ich habe dabei auch gemerkt, dass dieser kreative Prozess für mich unabhängig von äußeren Faktoren funktioniert. Selbst die Frage, ob das alles noch in meine jetzige Lebensphase passt, trat beim Schreiben zunehmend in den Hintergrund. Vor Corona gab es durchaus Anzeichen, die mich an einen nächsten Schritt glauben ließen, doch die Pandemie hat vieles verändert. Bei diesem Album habe ich bewusst versucht, diesen Erwartungsdruck auszublenden. Ich wollte wieder so schreiben, wie ich ursprünglich gestartet bin – ohne den Gedanken, ob das nun exakt zur bisherigen Sprache oder Ausrichtung der Band passt.

The Hirsch Effekt Foto: The Freakshot
The Hirsch Effekt Foto: The Freakshot

Was mir beim Hören sehr auffällt, ist dein Gesang. Der wirkt noch melodischer und differenzierter als sonst und hat stellenweise eine ungewohnte Leichtigkeit. War das eine bewusste Entwicklung oder ergab sich das aus der Entstehungssituation?

Ich habe mich nie primär als Sänger verstanden, sondern immer zuerst als Gitarrist. Auf früheren Alben wollte ich meine Rolle als Gitarrist besonders betonen und darüber meine Identität in der Band ausdrücken. Bei diesem Album habe ich diesen Anspruch etwas zurückgestellt und versucht, stärker vom Song als Ganzem zu denken. Dadurch bekam der Gesang automatisch mehr Raum, ohne dass das eine strategische Entscheidung gewesen wäre. Das Songwriting lief diesmal anders. In der Vergangenheit haben wir meist zuerst die instrumentalen Parts fertiggestellt, bevor Gesang und Texte entstanden. Diesmal war ich viel alleine im Proberaum, das Mikrofon stand permanent aufgebaut. Ich bin Instrument für Instrument durch die Songs gegangen. Dadurch wurden Gesang und Texte sehr früh Teil der Stücke. Sobald ein Refrain entstand, gab es oft bereits eine Strophe und eine klare textliche Richtung. Dadurch bekam der Gesang mehr Raum. Die Gitarre tritt stellenweise bewusst zurück, was zunächst ungewohnt war. Ich habe mich selbst gefragt, ob das Gitarrenspiel zu simpel sei – eine eigentlich wenig hilfreiche Überlegung, die aber aus der eigenen Historie der Band heraus nachvollziehbar ist. Rückmeldungen zu den Demos haben mir jedoch bestätigt, dass genau diese Offenheit den Songs guttut. Der Gesang steht stärker im Fokus, ohne dass die musikalische Komplexität verloren geht.

Hat sich durch dieses Album dein Verhältnis zu deinen eigenen Texten verändert – auch im Hinblick auf Selbstwahrnehmung und Außenwirkung?

Die Texte waren bei uns immer persönlich, das ist kein neues Element. Was sich verändert hat, ist eher der Zugang. Ich habe zuvor zwei Bücher im Eigenverlag veröffentlicht. Gerade das zweite Buch, ‘Ein Hirsch, ein Virus und ein Baby’, ist sehr selbstreflektiert und entstand in einer Phase, in der Corona die Musikszene stark durcheinandergebracht hat und sich gleichzeitig mein Privatleben durch das Vaterwerden grundlegend verändert hat. Diese intensive Form der Selbstbeobachtung und Offenheit hat sich stark auf das Schreiben der Albumtexte ausgewirkt. Die Idee zum Titel entstand ebenfalls früh. Nach so vielen Jahren Bandgeschichte haben sich gewisse Traditionen und Arbeitsweisen entwickelt, die fast wie ein eigenes Brauchtum wirken. Dieses Bild eines „Brauches“ fand ich passend. Die Wahl der Begriffe und Titel knüpft daran an.

Der Titel ‘Der Brauch’ lässt mehrere Lesarten zu – vom Ritual bis zur persönlichen Notwendigkeit. Sind diese Doppeldeutigkeiten bewusst angelegt?

Der Titel greift meine damalige Gefühlslage sehr genau auf. Es ging stark um die Frage, welchen Stellenwert die Band in meinem Leben noch einnimmt und welche Rolle sie für mich persönlich spielt. Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie viel Identität und Sinn ich aus dieser Tätigkeit ziehe. Musik bleibt für mich eine Form des Ausdrucks, unabhängig von äußeren Faktoren.

Wie hat sich der individuelle Schreibprozess auf die Zusammenarbeit mit Ilja und Moritz ausgewirkt?

Moritz ist später stärker eingestiegen. Ich habe viel Schlagzeug vorprogrammiert, was er anschließend an seine Spielweise angepasst hat. Ilja hielt sich zunächst bewusst zurück, hat dann aber seinen Bassstil in die fertigen Arrangements eingebracht. Der Prozess war insgesamt anders, aber sehr funktional.

‘Die Brücke’ sticht im Albumverlauf deutlich hervor und zitiert im Refrain überraschenderweise ‚Simon & Garfunkel’. Welche Rolle spielt der Song für die Platte?

Auf unseren Alben gibt es häufig einen vergleichsweise zugänglichen Song. Dafür bin meist ich verantwortlich. ‘Die Brücke’ entstand sehr spontan aus einer Alltagssituation heraus. Ich habe eine kurze Begegnung und Stimmung in einen Song übertragen. Der Gedanke an ‘Bridge Over Troubled Water’ spielte dabei durchaus eine Rolle. Das ist eine meiner absoluten Lieblingsnummern, mit der ich groß geworden bin.

The Hirsch Effekt Foto: The Freakshot
The Hirsch Effekt Foto: The Freakshot

Eure Fanbindung gilt als außergewöhnlich eng. Welche Bedeutung hat dieser direkte Austausch heute?

Die Unterstützung über Patreon ist für uns wirtschaftlich sehr wichtig. Neben Gagen und Merch bildet sie ein zentrales Standbein. Gleichzeitig ermöglicht sie eine besondere Nähe. Fans begleiten uns teilweise auf Tour, helfen beim Aufbau und erhalten direkte Einblicke in den Bandalltag. Für uns entsteht so eine Win-Win-Situation, die für die Bandstruktur inzwischen sehr bedeutsam ist.

Wie übertragt ihr die neuen Stücke ins Live-Setting, und verändert sich dadurch die Show?

Wir spielen etwa die Hälfte des Albums. Neu ist vor allem der Wechsel zwischen Nylon- und E-Gitarre, was das Bühnenbild und die Dramaturgie verändert. Dadurch entsteht eine andere visuelle und klangliche Dynamik.

Du hast eine lange persönliche und musikalische Verbindung zu Bremen. Was bedeutet es dir heute, mit The Hirsch Effekt im Tower zu spielen?

Bremen ist meine Geburtsstadt, und diese Verbindung bleibt sehr stark. Der Tower war für mich früher ein wichtiger Ort, den ich regelmäßig besucht habe. Heute dort Konzerte zu spielen, die auch gut besucht sind, ist nach wie vor ein sehr nettes Gefühl. Ich mag die Leute dort einfach sehr.

Christoph Becker

Am 19. März um 20 Uhr, Tower <— (Tickets & weitere Infos)

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