Glosse: Vollautomat – oder: vollautomatisch zum Deppen gemacht

Ich habe ein Faible für Dinge, die mir versprechen, mein Leben zu erleichtern. Also nicht im existenziellen Sinne – nein, ich meine diese Gadgets für die wiederkehrenden Tätigkeiten im Alltag: Kaffee kochen, Rasen mähen, Hunde füttern, Essen zubereiten. Diese kleinen Baustellen des täglichen Wahnsinns, die man gern delegiert. Und genau da kommen sie ins Spiel: die Vollautomaten. Diese vielversprechenden Heilsbringer aus Chrom, Plastik und Technik.

Ich falle regelmäßig auf sie rein. Immer wieder. Ich bin empfänglich für dieses leise Flüstern aus den Hochglanzprospekten: „Lehnen Sie sich zurück, wir erledigen den Rest.“ – „Ja“, denke ich dann, „endlich – lehne ich mich – zurück.“ Nur, um dann im nächsten Moment von diesem vollautomatischen Gerät zur Mitarbeit gezwungen zu werden wie eine unbezahlte Praktikantin. Sie verstehen nicht, was ich meine? Lassen Sie es mich erklären: Nehmen wir den sogenannten Kaffeevollautomaten. Dieser soll laut Hersteller „auf Knopfdruck perfekten Kaffeegenuss“ bieten.

Foto: Krists Luhaers
Foto: Krists Luhaers

In der Realität bedeutet das: Ich drücke einen Knopf, bekomme aber leider keinen Kaffee, sondern initiiere erst einmal eine mehrstufige Interaktion, die in ihrer Komplexität irgendwo zwischen Pflegeanleitung für Orchideen und Flugzeugcockpit liegt: „Bitte Wasser nachfüllen.“ – „Bitte Bohnen nachfüllen.“ – „Bitte Tropfschale leeren.“ – „Bitte Brühgruppe reinigen.“ – „Bitte System entkalken.“ Ich stehe also morgens um halb acht im Nachthemd vor einem Gerät, das mir in seinem ihm ureigenen Maschinensprachduktus mitteilt, dass es mir jetzt leider keinen Latte Macchiato zubereiten kann, weil ich gestern Abend verabsäumt habe, ihm die vorgeschriebene Wellnessbehandlung zukommen zu lassen. Der Kaffeevollautomat ist kein Diener. Er ist ein vollautomatischer Diktator.
Ähnlich verhält es sich mit meinem Rasenroboter. Ein kleines Wunderwerk der Technik, das selbstständig meinen Garten pflegen soll, so hieß es. Selbstständig fährt dieses Gerät exakt so lange herum, bis es die erste Gelegenheit findet, sich festzufahren. Und diese Gelegenheiten sind erstaunlich vielfältig: ein Maulwurfshügel, ein Grashalm mit Charakter, ein philosophischer Zweifel. Ich bekomme dann sogenannte Push-Nachrichten auf mein Smartphone: „Mäher hat sich festgefahren“ – Ich gehe raus und überprüfe. Das Gerät steckt fest. Natürlich steckt es fest. Immer wieder. Immer an denselben Stellen. Ich habe mittlerweile mehr Zeit damit verbracht, diesen Roboter zu retten, als ich früher gebraucht habe, um den Rasen einfach selbst zu mähen. Der einzige autonome Prozess dabei ist meine wachsende Verzweiflung.

Foto: Maximilian Kunstwadl
Foto: Maximilian Kunstwadl

Kommen wir zu meinem persönlichen High­light: dem Hundefutterautomaten. Ein Gerät, das „präzise und zuverlässig“ die Fütterung meiner vierbeinigen Mitbewohner übernehmen sollte. Ich hatte die naive Vorstellung, dass meine beiden Doggos künftig punktgenau zu festen Zeiten ihre exakt portionierten Mahlzeiten erhalten würden. Was ich unterschätzt habe: Ich lebe mit zwei hochintelligenten, opportunistisch veranlagten Wesen zusammen, die innerhalb kürzester Zeit herausgefunden haben, dass dieser Automat im Grunde nichts anderes ist als ein schlecht gesichertes Buffet. Das Ergebnis war weniger „Dosierung“ und mehr „Raubzug“. Der Automat wurde in seine Einzelteile zerlegt, bis auf den letzten Futterbrocken geleert und in einem Zustand hinterlassen, der stark an die Schließfächer der Sparkasse in Gelsenkirchen erinnerte – nach ihrer Plünderung im Dezember 2025. Die Hunde waren zufrieden. Ich nicht. Der Automat existiert seitdem nur noch in meiner Erinnerung und in achthundert kleinen Plastikteilen.
Dann wäre da noch dieses selbstkochende Wundergerät, dieses kulinarische Orakel, von Insidern liebevoll ‘Therminator’ genannt – wobei ich mir, wenn ich so richtig drüber nachdenke, mittlerweile nicht mehr sicher bin, ob diese Bezeichnung tatsächlich liebevoll gemeint ist. Das Versprechen: ein Acht-Gänge-Menü, quasi nebenbei gezaubert, während man entspannt ein Buch liest oder sich mit anderen geistreichen Dingen beschäftigt. Die Realität: Ich stehe neben dieser Kitchenbitch und warte auf den nächsten Befehl wie ein Rekrut beim neuen Wehrdienst: „200 Gramm Zwiebeln einfügen.“ – „Messbecher auf den Mixtopfdeckel setzen.“ – „Mit dem Spatel nach unten schieben.“ – „Varoma-Aufsatz aufsetzen.“ – „Mixtopf spülen.“
Wenn ich diesen Anweisungen nicht in Echtzeit Folge leiste, passiert – nichts. Absolut nichts. Diese Maschine kocht nicht für mich. Sie lässt für sich kochen. Ich bin nicht die Nutzerin. Ich bin das ausführende Organ. Eine Art menschlicher Aufsatz mit Armen.
Und irgendwann, zwischen Entkalkungsprogramm und Mixtopfspülphase, stellt sich mir die Frage: Wer bedient hier eigentlich wen? Vielleicht liegt das Problem auch nicht bei den Geräten. Vielleicht liegt es bei uns. Bei unserer Sehnsucht nach Vereinfachung. Nach Kontrolle. Nach diesem trügerischen Gefühl, man könne sich durch diese Anschaffungen gewissermaßen aus dem Alltag „herausoptimieren“.

Foto: Nail Gilfanov
Foto: Nail Gilfanov

Spoiler: kann man nicht. – Wie Sie gelesen haben, habe ich es probiert und bin krachend gescheitert. Was man kann: sich für viel Geld Geräte ins Haus holen, die einem mit beeindruckender Konsequenz neue Aufgaben verschaffen.
Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Es muss sie geben – die wirklich sinnvollen Vollautomaten, die dieser Bezeichnung würdig sind. Ich denke da gerade an folgendes Modell: ein vollautomatischer, leicht bedienbarer Mann. Hochintelligent, technisch auf dem neusten Stand, wartungsarm, gutaussehend, selbstreinigend. Er erkennt Bedürfnisse, noch bevor sie ausgesprochen werden. Er widerspricht nicht, er diskutiert nicht, macht keine Fehlermeldungen und verlangt keine Entkalkung.
DAS – das wäre doch großartig. Ich wäre bereit, dafür sehr viel Geld zu bezahlen.

Regina Gross

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