Knorkator – Aller Guten Dinge sind 30 // 7. Februar, 20 Uhr, Kulturzentrum Schlachthof
Alf Ator im Interview
Mit ihrem aktuellen Album ‘Weltherrschaft für alle’ und der zweiten Runde der Jubiläumstour ‘Aller guten Dinge sind 30!’ feiern die Kultmusiker ihr 30-jähriges Bestehen. Am 7. Februar macht die Band im Kulturzentrum Schlachthof Station – das Konzert ist bereits ausverkauft. Klassiker wie ‘Böse’, ‘Wir werden alle sterben’, ‘Weg nach unten’, ‘Ick wer zun Schwein’ oder ‘Ich hasse Musik’ gehören dabei ebenso zum Programm wie neuere Stücke. Der BREMER hat mit Keyboarder und Bandgründer Alf Ator gesprochen.
BREMER: Woher kommt eigentlich der Bandname ‘Knorkator’?
Alf Ator: ‘Knorke’ steht für etwas, das fetzen soll. Und die Endung ‘-ator’ klang nach großen, brachialen Dingen – Terminator, Gladiator. Wir haben Alltagsbegriffe gern so überhöht. Da lag ‘Knorkator’ einfach nahe.
Wenn du auf die Gründungszeit Mitte der 90er zurückblickst – wie ist die Band entstanden und hattest du damals schon eine Vorstellung davon, was ‘Knorkator’ sein sollte?
Am Anfang war die Vorstellung tatsächlich noch eine andere. Den Stumpen kannte ich schon aus den 80ern, wir waren ganz kurz gemeinsam in einer Funky-Band namens ‘Funkreich’. Das hat nicht richtig funktioniert, ich bin früh wieder ausgestiegen, aber wir blieben befreundet. Jeder machte erst einmal seine eigenen Sachen.
Bei Stumpen wurde das Funky irgendwann dreckiger, stark beeinflusst von amerikanischem Crossover. Es wurde gitarrenlastiger. Ich selbst kam vom Keyboard, habe viel mit Sounds gearbeitet und war großer Peter-Gabriel-Fan – die Musik, die ich damals gemacht habe, hatte mit dem späteren ‘Knorkator’ zunächst wenig zu tun.
Irgendwann entdeckte ich meine Fähigkeit für deutsche Texte. Davor habe ich viel mit Englisch herumprobiert, weil man ja international erfolgreich sein will. Aber viele Melodien klingen mit deutschem Text einfach schlecht – das war immer ein innerer Konflikt.
Stumpen hatte Anfang der 90er eine Band namens ‘Beulshausen’, die erst Englisch, dann Deutsch sang. Seine frechen Texte fand ich spannend. Ich bot an, ein paar Texte zu schreiben, hatte zwei Songs fertig – und dann löste sich die Band auf. Also sagten wir: Komm, wir machen einfach weiter. Ich schreibe die Songs, du organisierst die Auftritte. Stumpen war immer schon so ein kleiner verkappter Manager.
Am Anfang wollten wir vor allem vom Leder lassen: Tabus brechen, rumschreien, auf der Bühne alles kaputtmachen. Das hatte viel mit der Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung zu tun – plötzlich war vieles möglich, diese neue Freiheit wollten wir gnadenlos auskosten. Dass wir irgendwann auch leisere oder sanftere Töne anschlagen würden, hätte ich mir damals nicht vorstellen können.
Dass sich das änderte, hatte auch mit Stumpens Stimme zu tun. Er hatte früh eine Affinität zu hohen Gesängen. Und weil wir ohnehin schon absurd waren, dachte ich irgendwann: Warum nicht Metal mit Arien verbinden? So wurde die Musik komplexer. Es war immer noch Angebermusik – Muskeln zeigen, „guck mal, was ich kann“ – aber mit der Zeit deutlich vielschichtiger.
Was uns geholfen hat, war, dass wir nie den schnellen Durchbruch hatten. Wir waren nie von einem Hit abhängig, sondern hatten eine langsam wachsende Fangemeinde. Niemand findet alles gut, was wir machen – manche mögen nur die Balladen, andere nur das Harte. Aber genau das erlaubt uns, alles zu machen, ohne ständig jemanden komplett zu enttäuschen. Das Schlimmste wäre für mich, auf eine Schiene festgenagelt zu sein.
Das Musikgeschäft liebt klare Schubladen, denen ihr euch immer entzogen habt. Gibt es aus deiner Sicht überhaupt eine passende Kategorie – oder ist genau diese Uneindeutigkeit euer eigentliches Konzept?
Ganz klar Letzteres. Wenn man jung ist, ist Stilzugehörigkeit extrem wichtig. Bands zerbrechen an Fragen wie: Sind wir Power Metal oder Grindcore? Irgendwann, wenn man seine Handschrift gefunden hat, wird das unwichtig. Dann geht es nur noch darum, gute Songs zu schreiben. Wir wollen lustig sein, aber keine Comedy-Band. Als reine Metalband will ich uns auch nicht sehen. Also sagen wir: Wir sind ‘Knorkator’ – den Rest sollen andere einordnen.

Deine Texte verbinden Humor, Wortwitz und oft deutliche Gesellschaftskritik. Wie findest du beim Schreiben die Balance zwischen scheinbarem Unsinn und ernsthafter Aussage – gerade in einer stark polarisierten Zeit?
Ich habe inzwischen ein zwiespältiges Verhältnis zu Humor. Erhobene Zeigefinger sind nervig, aber vieles von dem Humor, der heute funktioniert, verschärft die Spaltung. Man macht sich über andere lustig, bekommt Applaus in der eigenen Blase – und die anderen gelten als Feindbild. Dabei unterscheiden wir uns in unseren Grundwerten oft viel weniger, als wir glauben. Humor wird heute häufig benutzt, um zu spalten. Davon will ich kein Teil sein. Für die Welt wären versöhnlichere Worte wichtiger, auch wenn sie weniger Applaus bringen.
Mit ‘Weltherrschaft für alle’ habt ihr euer 30-jähriges Bandbestehen gefeiert – mit neu aufgenommenen Klassikern und neuen Stücken. Wie seid ihr an dieses Album herangegangen?
Die Idee, ältere Songs neu aufzunehmen, hatte ich schon lange. Bei vielen Stücken hatte ich das Gefühl, dass sie früher produktionstechnisch nicht konsequent umgesetzt waren. Innerhalb der Band gab es unterschiedliche Ansichten, welche Songs das sein sollten. Am Ende wurde es eine Mischung – bei jedem Song gab es einen klaren Grund, warum er noch einmal neu entstanden ist.
Ihr habt euch über die Jahre auch personell verändert, neue Leute kamen dazu – zuletzt sogar mit Beteiligung eurer Kinder. Fühlt ihr euch heute als andere Band als vor 30 Jahren?
Ja, das ist auf allen Ebenen so. Früher waren wir oft nur zu dritt unterwegs, teilweise ganz ohne Bassisten oder Schlagzeuger, nur mit Maschinen. Das hing auch damit zusammen, dass ich vom Keyboard komme und viel mit Sounds und Samples gearbeitet habe.
Mit der Zeit wurde die Band größer. Buzz Dee, der seit 1996 dabei ist, prägt den Gitarrensound schon sehr lange. Rajko Gohlke ist seit 2010 am Bass dabei, Philipp Schwab seit 2020 am Schlagzeug. Das hat live natürlich viel verändert. In den letzten Jahren kamen auch unsere Kinder dazu: Nethi, die Tochter von Stumpen, singt die sehr hohen Stimmen im Background.
Jetzt kommt mein Sohn Tim Tom dazu, der ist jetzt richtig live dabei und spielt eine zweite Gitarre, dadurch wird es gitarrenmäßig noch etwas fetter, außerdem singt er mit. Live legen wir heute insgesamt mehr Wert auf Chöre als früher. Insgesamt ist das heute ein sehr eingespieltes Gefüge. Es ist ein Herz und eine Seele, ohne große Egos oder ständige Abstürze. Wir haben sehr gesetzte, gereifte Charaktere in der Band – und das fühlt sich richtig gut an.
‘Knorkator’ gelten live seit jeher als Ausnahmeerscheinung. Wird man euch heute etwas gesitteter erleben?
Das hat sich schon ein bisschen entwickelt. Ich zerstöre immer noch gern. Mindestens ein kaputtes Keyboard auf der Bühne soll weiterhin sein – solange meine alten Arme es noch heben können und ich es runterdreschen kann. Ansonsten machen wir nicht mehr so viel Dreck wie früher. Wir haben ja damals mit Kunstkacke gearbeitet – gearbeitet ist da wirklich das richtige Wort – und Gemüse ins Publikum geschreddert. Da lernt man mit der Zeit, was wirklich Punkte bringt und was Veranstalter verärgert, wenn sie nach dem Konzert renovieren müssen.
Es gibt sehr viele Dinge, die man machen kann. Stumpen ist da auch sehr kreativ. Und wir haben gemerkt, dass es oft gerade die kleinen Sachen sind, die uns am meisten Spaß machen und uns auch auszeichnen. Gigantomanie interessiert uns nicht. Die Messlatte ist da inzwischen so hoch, dass es lächerlich wäre, mit Fackeln oder Feuer anzufangen. Höchstens mal eine Wunderkerze – die ist dann eher eine Parodie auf eine Feuerbühnenshow. Im Moment brät Stumpen zum Beispiel Eier auf der Bühne und sucht sich Leute aus, die eins essen wollen. Das wird dann quasi versteigert. Diese kleinen Ideen machen uns wirklich Spaß – und darum geht es letztlich.
Gibt es für euch eine Verbindung zu Bremen und wie erlebt ihr die Stadt und das Publikum?
Ich verbinde Bremen vor allem mit unserem Vorausscheid zum ‚Grand Prix 2000’, der in der Stadthalle Bremen stattfand. Wir sind dort mit ‘Ick wer zun Schwein’ angetreten – das war eine sehr prägende Woche und ein besonderer Moment für uns. Dazu kommen viele Konzerte, vor allem im Schlachthof. Bremen ist für uns ein fester Punkt auf der Landkarte.
Christoph Becker
Am 7. Februar um 20 Uhr, Kulturzentrum Schlachthof






