Reiner Calmund – Ein Runder Abend

Fußball, Geschichten, klare Worte: Reiner Calmund ist in Bremen zu Gast und bringt seinen Live-Talk auf die Bühne – inklusive Überraschungsgast und Einblicken hinter die Kulissen des Profifußballs. Im Interview erzählt er, warum gerade Niederlagen prägen, was sich im Fußball grundlegend verändert hat und weshalb das Spiel bis heute Menschen verbindet.

Wenn Sie den Abend in wenigen Worten beschreiben müssten: Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?
Das ist im Grunde ein Abend wie ein gutes Fußballspiel: Wir spielen zwei Halbzeiten à 45 Minuten. In der ersten geht es um Geschichten, besondere Erlebnisse und Anekdoten aus meinem Managerleben und der Karriere meines Überraschungsgastes. Nach der Pause richten wir den Blick auf das aktuelle Geschehen – Bundesliga, Champions League oder die bevorstehende Weltmeisterschaft.

Moderiert wird das Ganze von Thomas Helmer. Wichtig ist mir: Es ist kein Vortrag, sondern lebt von der Stimmung, vom Austausch und von den Fragen aus dem Publikum. Und wer mich kennt, weiß: Eine Verlängerung ist nie ausgeschlossen.

Sie bringen immer einen Überraschungsgast mit – was macht für Sie einen guten Gesprächspartner auf der Bühne aus?
Die unterschiedlichsten Charaktere, die ich auf dieser Tour treffe, sind das Salz in der Suppe. Sie machen den Abend besonders – und ich bin ehrlich gesagt schon ein bisschen stolz, dass wir so viele spannende Fußballpersönlichkeiten gewinnen konnten. Wir hatten unter anderem Niko Kovač und Aki Watzke in Dortmund, Toni Schumacher in Köln oder Rudi Völler in Wuppertal.

Mit dabei waren außerdem Berti Vogts, Rainer Bonhof, Ansgar Brinkmann, Wolfgang Overath, Bernd Neuendorf, Bernhard Dietz sowie Matthias Herget und Werner Vollack. Das zeigt: Es geht nicht nur um große Namen, sondern um Persönlichkeiten mit Geschichte. Und genau das macht für mich einen guten Gesprächspartner aus – jemand, der den Fußball wirklich erlebt hat und bereit ist, das auch offen zu erzählen.

Das kann genauso gut eine regionale Größe sein, die sich um ihren Verein verdient gemacht hat – Hauptsache, er ist authentisch.

Was haben Sie für einen Bezug zu Bremen – sind Sie vielleicht sogar ein heimlicher Werder-Fan?
Also heimlicher Werder-Fan – so weit würde ich jetzt nicht gehen. (lacht) Aber Bremen, das ist Fußball mit Tradition, mit Seele. Es gibt einige Momente mit Werder Bremen, die mir bis heute besonders im Kopf geblieben sind. Einer davon war sicherlich, als Werder Bremen 1986 in letzter Sekunde die deutsche Meisterschaft gegen FC Bayern München aus der Hand gegeben hat. Ausgerechnet Michael Kutzop, der treffsicherste Schütze, rutscht beim Elfmeter weg – und plötzlich ist alles vorbei. Das sind diese Momente im Fußball, die sich einbrennen: Ein Augenblick, der über eine ganze Saison entscheidet. Bitter – und unvergesslich.

Und eine weitere Erinnerung fällt mir auch immer direkt ein. Als Werder Bremen 1988 deutscher Meister wurde – vor dem FC Bayern München. Im Europapokal-Halbfinale trafen sie auf uns Leverkusener.  Bremen gewinnt das Hinspiel 1:0, im Rückspiel hatten wir das nötige Glück und kommen mit einem 0:0 ins Finale – und holen am Ende den UEFA-Cup. Das sind Duelle, die bleiben hängen.

Ein ganz persönlicher Moment aus jüngerer Zeit war für mich die Beerdigung von Willi Lemke – eine Persönlichkeit, die Werder geprägt hat wie kaum ein anderer. Obwohl wir bis spät in die Nacht noch Dreharbeiten für ‚Grill den Henssler‘ in Magdeburg hatten, sind wir – gemeinsam mit Laura Wontorra – kurzfristig nach Bremen geflogen. Am selben Abend ging es wieder zurück ans Set, wo bis spät in die Nacht gedreht wurde. Aber es war uns ein echtes Herzensanliegen, Abschied zu nehmen. Mit Willi Lemke hatte ich immer ein besonderes Verhältnis – herzlich, ehrlich und mit der nötigen Portion Reibung.

Nach einem Spiel im Weser-Stadion sind wir uns nochmal im VIP-Bereich begegnet. Wir hatten gewonnen, und ich konnte mir einen lockeren Spruch nicht verkneifen. Zur Erinnerung: Willi war körperlich das exakte Gegenteil von mir. Ich rief also durch den Raum: „Mensch Willi, Du siehst ja aus, als wäre in Bremen eine Hungersnot ausgebrochen.“ Er schaut mich kurz an, ließ sich das durch den Kopf gehen – und kam dann trocken zurück: „Pass mal auf, Calli – und du siehst so aus, als wärst du dafür verantwortlich.“ Das war Willi: direkt, schlagfertig, mit Humor – und immer auf Augenhöhe. Wenn man an Bremen denkt, dann kommen einem natürlich sofort jede Menge Namen in den Kopf: Dr. Franz Böhmert – fast 30 Jahre Werder-Präsident und lange als DFB-Vorstand aktiv), Otto Rehhagel, Thomas Schaaf, Klaus Allofs, Torsten Frings, Marco Bode oder später Frank Baumann – einfach Persönlichkeiten, die für diesen Verein und seine Haltung stehen.

Reiner Calmund auf der Bühne Foto: Henning Becker
Reiner Calmund auf der Bühne Foto: Henning Becker

Sie gelten als ‚Urgestein‘ des deutschen Fußballs: Welcher Moment aus Ihrer Karriere hat Sie persönlich am meisten geprägt?
Da gibt’s viele Momente. Aber die großen Niederlagen prägen dich am meisten. Wenn du kurz vor dem Ziel stehst und es rutscht dir durch die Finger – das vergisst du nicht. Wenn ich einen Moment herausgreifen muss, dann ist es das Jahr 2002. Wir standen mit Leverkusen im Finale der Champions League, im DFB-Pokalfinale und sind in der Bundesliga ganz knapp Zweiter geworden.

Drei Wettbewerbe – und am Ende dreimal „nur“ Vize. Das tat natürlich weh, aber genau solche Erfahrungen formen dich. Du lernst, mit Rückschlägen umzugehen, wieder aufzustehen und weiterzumachen.

Sie haben den Fußball über Jahrzehnte geprägt: Was ist heute noch so wie früher, und was hat sich unwiederbringlich verändert?
Die Emotion ist gleich geblieben. Wenn der Ball rollt, ist alles wie früher. Aber drumherum – das ist eine andere Welt geworden. Mehr Geld, mehr Druck, mehr Tempo. Alles wird analysiert, durchgetaktet, bewertet – das gab es in der Form früher nicht. Manchmal vermisse ich ein bisschen die Spontaneität von früher, dieses Ungeplante, Direkte.

Heute ist vieles perfekter – aber auch komplizierter. Transfers sind früher im Chaos aus Faxen, Telefonaten und Bauchgefühl entstanden – ohne Berater-Armeen, ohne Excel-Schlachten. Und früher hast du auch Fehler gemacht – heute steht das fünf Minuten später überall. Das ist schon ein Unterschied.

Wenn Sie auf Ihre Zeit bei Bayer 04 Leverkusen zurückblicken: Welche Entscheidung würden Sie heute anders treffen?
Naja, im Nachhinein ist man immer schlauer. Klar gibt’s Dinge, wo ich sage: „Da hättest du vielleicht anders reagieren können, Du hättest mutiger sein oder auch mal die Reißleine früher ziehen können.“ Aber ich war immer einer, der Entscheidungen getroffen hat – und dazu stehe ich auch. Lieber mal danebenliegen, als gar nichts entscheiden.

Sie haben den Fußball von innen gesehen, mit all seinem Druck: Wie hat sich der Umgang mit Öffentlichkeit und Kritik verändert?
Früher hattest du noch Zeit, Dinge einzuordnen. Heute geht alles sofort raus – und jeder hat direkt eine Meinung. Durch Social Media wird jede Entscheidung, jede Aussage kommentiert, bewertet und oft auch kritisiert. Das ist schneller geworden – und manchmal auch deutlich härter. Früher gab es die Zeitung am nächsten Tag oder die Sportschau. Heute hast du rund um die Uhr Öffentlichkeit.

Da brauchst du ein dickeres Fell, egal ob als Spieler, Trainer oder Verantwortlicher. Ich beneide die jungen Leute nicht, die beim Feiern jedes Mal drauf achten müssen, ob irgendeiner sein Handy zückt und fotografiert. Das ist schon eine ganz andere Welt. Was sich aber nicht verändert hat: Kritik gehört zum Geschäft. Entscheidend ist, wie du damit umgehst. Du darfst dich davon nicht verrückt machen lassen, musst bei dir bleiben und deinen Weg gehen.

Fußball ist für viele längst Teil unserer Alltagskultur. Was kann der Fußball, was andere Kulturformen wie Theater oder Musik nicht leisten?
Fußball ist Volkssport Nummer eins – und hat eine Wucht, die kaum eine andere Kulturform erreicht. Er bringt Menschen zusammen, unabhängig von Alter, Herkunft oder Beruf. Im Stadion stehen der Professor und der Handwerker nebeneinander, und für 90 Minuten zählt nur eins: das Spiel. Diese gemeinsame Emotion, dieses Mitfiebern – das ist etwas ganz Besonderes. Natürlich schaffen die großen Konzerte auch, Menschen zu berühren und zusammenzubringen.

Aber der Fußball geht noch einen Schritt weiter: Er kann ganze Städte oder sogar Länder gleichzeitig in Bewegung setzen. Dieses kollektive Gefühl – das ist einzigartig. Und vor allem: Fußball ist kein Programm. Da gibt’s keinen doppelten Boden, kein Drehbuch. Wenn da was passiert, dann passiert’s jetzt – und keiner weiß, wie es ausgeht. Diese Unmittelbarkeit – die kannst du nicht inszenieren. Du kannst nichts schneiden, nichts wiederholen. Du musst die Situation nehmen, wie sie kommt – und genau das macht den Reiz aus.

Sie erzählen gern Geschichten aus dem Fußball – gibt es eine, die Sie bis heute nicht loslässt?
Zum einen waren das die ersten Transfers aus der ehemaligen DDR in die Bundesliga. Das war nicht einfach nur Fußball, das war ein Stück Zeitgeschichte. Da ging es um viel mehr als um Verträge, da ging es um Vertrauen, um Perspektiven, um einen echten Neuanfang für Andreas Thom und Ulf Kirsten. Eigentlich hatte auch Matthias Sammer bereits unterschrieben, allerdings durfte er nach Eingreifen von Alt-Kanzler Kohl nicht zu uns kommen – er wechselte letztlich zum VfB Stuttgart.

Und das Zweite war der Aufbau unserer Brasilien-Schiene bei Bayer 04 Leverkusen. Spieler wie Tita, Jorginho, Paulo Sérgio, Emerson, Lúcio oder Zé Roberto etc. nach Deutschland zu holen – das war damals alles andere als selbstverständlich. Da brauchst du Mut, Überzeugung und auch ein bisschen Gespür. Das waren Entscheidungen, die den Verein geprägt haben – und ehrlich gesagt auch meine Zeit im Fußball. Solche Geschichten vergisst du nicht, weil sie zeigen, wie viel hinter einem Transfer wirklich steckt.

Wann hat Sie der Fußball zuletzt wirklich emotional berührt – jenseits von Ergebnissen und Tabellen?

Immer dann, wenn ich sehe, wie Menschen zusammenkommen. Wenn du im Stadion bist und merkst: Da stehen Tausende, die für einen Moment alles andere vergessen. Das ist mehr als Sport. Das ist Verbindung. Und das geht mir jedes Mal noch unter die Haut.

Interview und Text: Mika Dunkel

Am 17. Mai um 19 Uhr, Die Glocke Bremen (Kleiner Saal). Weitere Infos und Tickets: glocke.de

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