Jannis Brühl im Interview – Disruption
Jannis Brühl, geboren in Nürnberg, leitet das Team Geld und Tech der Süddeutschen Zeitung und zählt zu den führenden Digitaljournalisten Deutschlands. Er studierte Politik und Amerikanistik in Erlangen und Portland, Oregon, und arbeitete als Arthur F. Burns Stipendiat in New York bei ProPublica. Seit mehr als zehn Jahren berichtet er über Big Tech und die Entwicklungen aus dem Silicon Valley. BREMER Autorin Fanny Quest führte ein exklusives Interview mit Jannis Brühl über sein neues Buch.
BREMER: Was meinst du mit ‘Disruption’ im politischen Sinn?
Disruption ist die Praxis der kreativen Zerstörung im Kapitalismus. Die Vorstellung, die jedes Start-up, jeden Risikoinvestor antreibt: Dass das meiste Geld dort zu verdienen ist, wo radikale Außenseiter mit innovativer Technik einen verkalkten Markt umstürzen. So wie Tesla die Autoindustrie, Uber die Taxi-Branche, Facebook und Instagram die klassischen Medien verändert haben.
Die Tech-Oligarchen sehen sich als revolutionäre Avantgarde der Wirtschaft – der Erfolg gibt ihnen Recht, bei Tesla, Palantir oder Meta zum Beispiel. Dieses Denken haben Peter Thiel, Elon Musk, Marc Andreessen und Alex Karp aber nun auf die Politik übertragen. Und sie haben in Donald Trump einen Verbündeten gefunden – den großen politischen Disruptor. Der stellt schließlich auch gerade die Welt auf den Kopf. Gemeinsam mit ihm arbeiten sie nun an der Disruption der Welt.
Wie wurden Tech-Milliardäre von Wirtschaftsmacht zu politischer Macht?
Durch ihre digitalen Monopole und Netzwerkeffekte – wenn einmal genug Nutzer beispielsweise auf Facebook sind, kommen immer neue nach – haben sie unfassbare Mengen Kapital auf sich konzentriert. Die setzen sie für die Unterstützung von Trump und anderen Maga-Kandidaten wie JD Vance ein.
Warum gerade jetzt dieser Schulterschluss mit Donald Trump?
Lange hat sich das Silicon Valley als progressiv verstanden und dargestellt. Aber die Netzwerke um Musk und Thiel haben die Allianz mit den Demokraten und Liberalen aufgekündigt und sehen sich nun als „Gegen-Elite“. Sie halten die liberale Demokratie für schwach, für zu wenig innovativ und beteiligen sich am Schulterschluss mit Maga. Sie wollen ein neues System, in dem ihre libertären Ideen Vorrang vor Ideen wie Solidarität, Ausgleich und Kompromiss haben.
Was verbindet Tech-Oligarchen ideologisch?
Sie sind Cyberlibertäre, die denken, dass Technologie den Einzelnen befreien kann, dass Staat und Gesellschaft der Freiheit entgegenstehen. Ihr Denken ist allerdings widersprüchlich. Der Einsatz von DOGE oder Palantir für Trumps autoritäre Ideen steht eigentlich im Gegensatz zum Libertarismus, der die Zentralisierung von Macht skeptisch sieht.
Welche Rolle spielt Science-Fiction in ihrem Weltbild?
Ihre Vorstellungswelt ist in Teilen von Science-Fiction geprägt – und einer etwas naiven Enttäuschung darüber, dass die Sci-Fi-Ideen aus dem 20. Jahrhundert nicht wahr geworden sind. Deshalb beschwert sich zum Beispiel Thiel, dass „uns fliegende Autos versprochen wurden“, aber wir nur soziale Medien bekommen hätten (dabei hat er mit denen viel Geld verdient, weil er früh in Facebook investierte). Sie leiten daraus ihren quasi-missionarischen Auftrag ab: dass sie für die Menschheit diese Zukunftsträume wahr machen müssen.
Warum ist diese neue Oligarchie historisch neu?
Oligarchien gab es schon viele, aber dass ein Dutzend Milliardäre so viel Kapital, politische Verbindungen und Kontrolle über die wichtigsten Technologien und Plattformen wie KI (OpenAI, x AI, Meta), Social Media (Meta, X) und Raumfahrttechnik (SpaceX) vereinen, ist historisch neu.

Welche Strategien verfolgen die Tech-Oligarchen konkret?
Musk hat mit DOGE den Staat geschwächt. Verbündete von Andreessen und Thiel bestimmen über die Besetzung von Regierungsposten mit. Einer der Paypal-Mitgründer, Ken Howery, ist von Trump zum Botschafter in Dänemark gemacht worden, auch beim Grönland-Streit gibt es also eine Oligarchen-Connection. Und im Verteidigungssektor etablieren sie ihre KI und andere Software auch in Waffensystemen.
Wie gefährlich ist diese Entwicklung für demokratische Systeme?
Disruptive Strategien können sicher positive Impulse geben – zum Beispiel bei der Digitalisierung von Behörden, die sich ja auch viele Menschen wünschen. Aber der Musk-Thiel-Ansatz -das Zerstören des Staates mit der Kettensäge – soll die Demokratie und die Gewaltenteilung teilweise funktionsunfähig machen. Damit er nicht mehr fähig ist, Technologien wie KI oder Krypto zu regulieren, oder Minderheiten vor der Mehrheit zu schützen. Außerdem ist in so einem zerstückelten Staat weniger Gegenwehr gegen einen autoritären Präsidenten zu erwarten – so wie es sich derzeit in den USA zeigt.
Was bedeutet das alles für Europa?
Es gibt ganz direkte Einflussnahme. Musk unterstützte offen die AfD mit einem Gastbeitrag in der Welt sowie seinen reichweitenstarken Tweets und hat quasi seine Macht als Medienmogul genutzt, um Alice Weidel und die AfD via Twitter zu pushen. Das ist ironisch, weil er ja anderen Medien immer eine politische Schlagseite vorgeworfen hat. Wir haben Zuckerbergs direktes Lobbying bei Digitalsteuer und anderen Digitalgesetzen gesehen, die Trump im Zollstreit den Europäern abringen will. Aber auch das Geld der Oligarchen ist längst in Europa: Kapital von Andreessen und Thiel steckt in deutschen KI- und Drohnen-Start-ups.
Hast du einen Wunsch?
Mehr Aufmerksamkeit dafür, wie Geld und die zum Geld passende Ideologie Einfluss auf die Politik nehmen. Im Fall der Tech-Oligarchen maßen sich die reichsten Menschen der Welt an, das System nach ihren Vorstellungen umzubauen.
Hast du ein Lebensmotto?
Stanley Kubrick: „However vast the darkness, we must supply our own light.“
Fanny Quest

Jannis Brühl – Disruption
Eine Handvoll Tech Milliardäre aus dem Silicon Valley versteht sich als Avantgarde mit dem Anspruch, die Welt neu zu formen. Mit enormem Reichtum, Technologie und Einfluss stehen sie an der Seite von Donald Trump. Seit 2024 formiert sich eine Oligarchie aus den reichsten und mächtigsten Akteuren unserer Zeit. Jannis Brühl zeigt, wie aus wirtschaftlicher Macht politische Macht wurde, wie diese Entwicklung unsere Demokratie gefährdet und warum digitale Souveränität für Europa entscheidend ist, um widerstandsfähig zu bleiben.
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