Ben Becker im Interview mit dem BREMER– Ich, Judas – 10 Jahre – Die Jubiläumstour

Zehn Jahre nach der Premiere kehrt Ben Becker mit ‘Ich, Judas’ zurück auf die Bühne. Was als einmalige Aufführung begann, wurde zu einem der erfolgreichsten Theaterprojekte der letzten Jahre – gespielt fast ausschließlich in Kirchen. Zum Jubiläum macht die Tour nun auch Station im Bremer St. Petri-Dom. Im Gespräch spricht Becker über den besonderen Ort, die Texte von Walter Jens und Amos Oz und darüber, warum ihn dieser Abend auch nach einem Jahrzehnt nicht loslässt.

Du spielst ‘Ich, Judas’ seit zehn Jahren fast ausschließlich in Kirchen und kommst jetzt wieder in den St. Petri-Dom nach Bremen. Was bedeutet dir dieser Ort in Deiner Geburtsstadt?
Ich bin grundsätzlich sehr gerne in Bremen und mache tatsächlich jedes Mal eine kleine Stadtrundfahrt. Ich fahre am Kindergarten vorbei, an der Bürgermeister-Smidt-Schule, an der Contrescarpe, wo ich früher Bonbons gekauft habe. Das gehört für mich dazu. Ich freue mich einfach, hier zu sein. Ich bin auch immer wieder gerne in der Glocke. ‘Judas’ mache ich inzwischen tatsächlich nur noch in Gotteshäusern, in Kirchen. Der Bremer St. Petri-Dom ist allerdings unheimlich schwer zu bespielen, weil der Altar so mittig liegt. Das ist fast wie eine große Kogge, die Gemeinde sitzt links und rechts. Das gibt es sonst eigentlich nie. Ich war ja schon einmal dort und das ist schon eine mächtig geballte Kulisse. Aber eben ungewohnt, weil du niemanden direkt vor dir hast. Das zu bedienen ist nicht einfach. Auf der anderen Seite bin ich es gewohnt, mich an Kirchen anzupassen. Da gibt es immer Überraschungen. Manchmal kommt man in eine Kirche und denkt: Um Gottes Willen, das wird schwierig. Aber ich habe mich bewusst entschieden, dieses Programm nicht mehr in Mehrzweckhallen zu spielen. Ich freue mich auf die Herausforderung.

‘Ich, Judas’ basiert auf Texten von Walter Jens und Amos Oz, die das traditionelle Judas-Bild radikal infrage stellen. Was macht diese Zugänge für dich so stark?
Die Frage nach Schuld und Verurteilung. Also die Frage, ob man es sich leicht macht, indem man einen Schuldigen sucht und den dann symbolisch ans Kreuz nagelt oder an den nächsten Baum hängt. Es geht um ein Nicht-Stattfinden von Kommunikation und um vorschnelle Schuldsprüche. Dieses Auffordern, nicht vorschnell zu verurteilen, sondern zu hinterfragen – das interessiert mich sehr. Das finde ich in diesen Texten unheimlich spannend und natürlich auch sehr aktuell. Es ist jetzt fast anderthalb Jahre her, dass ich die letzte Judas-Aufführung hatte. Ich bin sehr gespannt, wie die Leute diesmal reagieren, denn die Zeit hat sich verändert. Schuld und Verrat sind momentan extrem präsent, wenn man sich etwa die Beziehungen zu unseren amerikanischen Freunden anschaut. Das hat auch mit den Ausmaßen zu tun. Diese Schlachtfelder sind heute global und wir können live zuschauen. Das macht alles noch furchtbarer. Warum das alles passiert – diese Frage stellen Amos Oz und Walter Jens, und sie stellen sie dem Leser, dem Zuhörer, dem Zuschauer. Ich versuche, diese Fragen neu zu beleben.

Ben Becker Foto: FacelandCom
Ben Becker Foto: FacelandCom

Hat sich dein Zugriff auf den Text in den letzten zehn Jahren verändert – in Stimme, Haltung oder Rhythmus?
Bei derartig komplexen Texten gehen immer wieder neue Türen auf. Man versteht plötzlich Dinge anders oder neu, und das fließt dann in die Interpretation ein. Das ist nach wie vor in Bewegung und ich setze mich immer noch damit auseinander. Sonst hätte sich der Abend bei mir auch nicht über zehn Jahre gehalten. Ich bin niemand, der einfach abliefert und sagt: Das läuft gut, also mache ich das weiter. Ich mache das, weil ich es liebe und weil ich Freude daran habe. Wenn ich merke, dass ein Projekt für mich abgeschlossen ist, lege ich es auch ad acta. Das ist bei ‘Judas’ nicht der Fall. Eigentlich ist jeder Abend neu, auch nach so langer Zeit.

Was bedeuten für dich persönlich Vergebung und Absolution – auch jenseits des religiösen Kontexts? Und was fällt schwerer: anderen zu vergeben oder sich selbst?
Mein Trainer sagt immer: Du selbst bist dein größter Feind. Anderen zu vergeben – das kommt darauf an, von wem wir sprechen und in welchem Ausmaß. Wenn mein Nachbar von Haus zu Haus Scheiße baut, dann vergebe ich ihm gerne. Wichtig ist für mich die Bereitschaft zur Vergebung und zur Kommunikation. Kommunikation halte ich für zentral. Das ist eigentlich die Lösung, auf eine schöne Art miteinander zu sprechen und zu versuchen, Dinge in Stand zu halten. Aber das geht heutzutage immer mehr verloren, habe ich den Eindruck. Das Wort Vergebung taucht kaum noch auf. Es wird draufgehauen und weiter draufgehauen. Die Zeiten haben sich geändert und das tut mir weh. Es ist aggressiver, feindlicher, bösartiger geworden. Man merkt, dass die Geschehnisse an den Menschen nicht spurlos vorbeigehen. Im Bus, auf der Straße, überall. Der Umgang ist rauer, unangenehmer, unfreundlicher geworden. Das finde ich sehr schade. Der Mensch kann ein sehr schönes Wesen sein und ist imstande, wunderbare Dinge hervorzubringen.

Ist da die Aufführung von ‘Ich, Judas’ ein Mittel, Menschen zum Nachdenken zu bringen?
Sonst würde es mich nicht interessieren. Ich beschäftige mich mit Kunst, Theater und Literatur, weil dort Auseinandersetzung stattfindet. Und die nach außen zu tragen, halte ich für wichtig. Theater sollte sich einmischen, Stellung beziehen oder zumindest existenzielle Fragen stellen. „Sein oder Nichtsein“, wie es bei Shakespeare heißt.

Du hattest beim letzten Mal gesagt, dass du wieder Lust auf Musik hast. Gibt es da inzwischen konkrete Pläne?
Ich habe einen großen Wunsch, wieder musikalisch tätig zu werden. Das letzte Album kam leider gar nicht zur Veröffentlichung. Aber ich bin gerade dran, das vielleicht einfach ins Netz zu stellen. Plattenverträge in dem Sinne gibt es ja kaum noch. Der Wunsch, Musik zu machen, ist auf jeden Fall da. Und es gibt auch Leute, die auf mich warten und sagen: Ben, gib den Startschuss.

Christoph Becker (nicht verwandt)

Am 6. März um 20 Uhr, St. Petri Dom

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