Catrin Marnitz und Tina Epking – Ein gesunder Rücken ist auch Kopfsache

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Catrin Marnitz Foto: Yvonne Schmedemann

 

Catrin Marnitz hat Psychologie in Münster studiert und am Institut für Verhaltenstherapie Hamburg die Approbation zur Psychologischen Psychotherapeutin erworben. Heute ist sie die leitende Diplom-Psychologin am Rückenzentrum Am Michel in Hamburg. Bevor sie vor 20 Jahren dorthin wechselte, war sie in der Psychiatrie des Universitätsklinikums Eppendorf tätig. 2010 schloss sie die Weiterbildung im Bereich der Speziellen Schmerzpsychotherapie ab. BREMER-Autorin Fanny Quest führte ein exklusives Interview mit Catrin Marnitz über den Zusammenhang von Rückenschmerz und Psyche.

 

 

 

 

BREMER: Wie hängen Rückenschmerzen und Psyche konkret zusammen?
Catrin Marnitz: Das Zusammenspiel von Rückenschmerzen und unserer Psyche ist enger, als viele denken. Unser zentrales Nervensystem – also Gehirn und Rückenmark – verarbeitet körperliche Schmerzen und emotionale Belastungen in teils gleichen Hirn-arealen, zum Beispiel im sogenannten limbischen System, dem Sitz unserer Gefühle.

Warum bleibt Schmerz oft bestehen, obwohl körperlich alles abgeklärt ist?
Abgeklärt ist leider nicht gleichbedeutend mit behandelt oder beseitigt. Mein Schwerpunkt liegt in der Behandlung chronischer Schmerzen, also Schmerzen, die länger als drei Monate andauern oder immer wiederkommen. Wir wissen, dass bei chronischen Schmerzen sowohl körperliche als auch psychosoziale Faktoren relevant sind. Beides trägt zur Aufrechterhaltung bei.

Was passiert im Körper, wenn Stress auf den Rücken schlägt?
Wenn wir gestresst sind, reagiert der gesamte Körper darauf. Insbesondere der Rücken ist ein „mitfühlendes Wesen“. Das Gehirn schlägt Alarm. Unser Stresshormon Cortisol wird ausgeschüttet, das uns kurzfristig enorm leistungsstark macht. Das Rückenmark leitet die Alarmimpulse direkt in die Nacken- und Rückenmuskulatur. Im Notfall ist das für unsere motorische „Kampf-Flucht-Reaktion“ sinnvoll. Längerfristig kommt es jedoch zu Verspannungsschmerzen. Daher ist der Rücken eng mit unseren Emotionen verbunden – im Unterschied zum Knie beispielsweise.

Wie erkenne ich, ob hinter meinen Rückenschmerzen seelische Belastung steckt?
Man könnte sich fragen: „Wäre ohne die Rückenschmerzen eigentlich alles gut in meinem Leben?“ Oder man schaut auf das Verhältnis von Stress und Ausgleich im eigenen Alltag. Oft fallen Schmerzepisoden und Stress-phasen rückblickend zeitlich zusammen.

Was macht den Schmerz chronisch – und wie kann ich das verhindern?
Wenn der Schmerz trotz Behandlung mehrere Monate andauert, sollte eine interdisziplinäre Diagnostik erfolgen. Das bedeutet, dass Fachleute aus der Orthopädie, Physiotherapie und Psychologie die gut evaluierten Risikofaktoren für Chronifizierung untersuchen und abfragen. Der Schmerz wird somit von allen Seiten beleuchtet und man kann eine ganzheitliche Behandlung beginnen, die leider oft ausbleibt.

Was hilft, wenn klassische Therapien nicht mehr greifen?
Auch hier bedarf es einer interdisziplinären Diagnostik und Behandlung. Hauptziel ist die Rückkehr in die normale Aktivität trotz Schmerz. Wichtig dafür ist die Aufklärung, was Schmerz genau ist, und dass die meisten Schmerzpatienten ihren Rücken trotz der Schmerzen nicht nur belasten können, sondern auch müssen. Nur so schafft man den Sprung aus dem Teufelskreis aus Schmerz, Angst und Bewegungsvermeidung. Dann können im Training Bewegungsängste abgebaut werden. In der Schmerzpsychotherapie analysieren wir, welche Gedanken Angst oder Stress erzeugen und wie man lernen kann, diese vor dem Hintergrund der eigenen Lerngeschichte positiv zu verändern. Konkret sprechen wir über die Veränderung von Verhaltensmustern und den eigenen Selbstwert. Schmerzen bedeuten oft einen Verlust an Selbstvertrauen und Vertrauen in den Rücken. Wichtig ist, wieder selbstwirksam zu werden und zu wissen, was hilft und gut tut.

Warum ist es so wichtig, auch Gefühle wie Trauer oder Wut ernst zu nehmen?
Weil sie genauso emotional im Rücken landen. Gefühle wie Trauer oder Wut sind für unser Gehirn ebenfalls Stress und lösen die gleichen Reaktionen aus.

Wie kann ich meine Resilienz stärken, um Schmerzen besser zu bewältigen?
Körperlich aktiv bleiben. Sport und Bewegung braucht der Rücken für seine Kräftigung und die Seele für den Ausgleich. Im Alltag kommen mit Job und Familie oft Selbstfürsorge und Entspannung zu kurz. Da gilt es, eine Priorität zu setzen und beides gezielt in den Alltag einzubauen.

Was rätst du Menschen, die sich von Ärzt:innen nicht mehr verstanden fühlen?
Nicht aufgeben und gezielt nach Behandlern suchen, die in einem interdisziplinären Schmerzzentrum arbeiten. Ich bin im Rückenzentrum Am Michel in Hamburg tätig und das Verständnis für Menschen mit Schmerzen gehört quasi zu unserer DNA. Sehr oft höre ich genau diesen Satz, dass jemand sich endlich verstanden fühlt.

Gibt es eine Erfahrung aus deiner Arbeit, die dich besonders berührt hat?
Kürzlich hat eine Patientin von mir geheiratet. Sie hat eine ausgeprägte Skoliose mit langer Narbe auf dem Rücken und Titanstangen in der Wirbelsäule. Sie kam anfangs mit einer Angststörung zu mir und konnte den Anblick ihres Rückens im Spiegel nicht ertragen. Sie trug an diesem Tag ein rückenfreies Kleid und hat bis zum Morgengrauen durchgetanzt.

Hast du einen Wunsch?
Für meine Arbeit: dass alle Menschen mit chronischen Schmerzen wissen, dass ihr Schmerz nichts mit Einbildung zu tun hat und dass ein gesunder Rücken auch Kopfsache ist. Deswegen heißt mein Buch auch so. Für mich persönlich: gesund bleiben.

Hast du ein Lebensmotto?
Vor dem Können kommt das Wollen.

FQ
Catrin Marnitz und Tina Epking - Ein gesunder Rücken ist auch Kopfsache
Rowohlt Taschenbuch 18€


Ein zugänglicher Ratgeber über die enge Verbindung von Rückenschmerzen und psychischer Belastung. Catrin Marnitz, Psychologin am Rückenzentrum Am Michel, zeigt: Rückenschmerzen entstehen nicht nur durch Fehlhaltungen oder Bandscheibenvorfälle – oft ist auch die Psyche beteiligt. In mehr als der Hälfte aller Fälle sorgen Stress, Trauer oder Einsamkeit dafür, dass Schmerzen chronisch werden. Wer viele Ärzt:innen aufgesucht hat und nicht weiterkommt, findet hier fundiertes Wissen und neue Perspektiven. Mit konkreten Beispielen hilft Marnitz, Selbstwirksamkeit zurückzugewinnen.

 

 

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