Interview
Yamato – The Drummers of Japan
‘Yamato’ zählt seit mehr als 30 Jahren zu den prägenden Ensembles der modernen Taiko-Kunst. Taiko bedeutet im Japanischen schlicht Trommel, steht aber auch für eine jahrhundertealte Verbindung aus Rhythmus, Ritual, Körperkraft und Gemeinschaft. Mit der neuen Show ‘Hito no Chikara – Die Macht der menschlichen Stärke’ kommt die Gruppe um den Gründer und künstlerischen Leiter Masa Ogawa im Juli ins Metropol Theater Bremen. Der BREMER hat sich mit ihm unterhalten.

BREMER: ’Yamato’ gibt es seit mehr als 30 Jahren und die Gruppe ist inzwischen auf Bühnen in aller Welt zu Hause. Was war damals der erste Gedanke hinter ’Yamato’ – und was bedeutet Ihnen die Gruppe heute?
Masa Ogawa: ’Yamato’ wurde 1993 gegründet. Damals half ich im Geschenkeladen meiner Eltern in meiner Heimatstadt. Eines Tages fand meine Mutter in einem kleinen Schrein eine große Taiko-Trommel, die dort ungenutzt im Lager stand. Sie sagte zu mir: „Warum machst Du nicht etwas mit dieser Trommel beim Sommerfestival?“
Das war der Anfang von allem. Ein paar Freunde, mein Bruder und ich – wir waren nur zu viert – kamen zusammen und machten etwas, das man vielleicht ein Stück nennen konnte, vielleicht auch nicht. Wir übten etwa zwei Wochen lang verzweifelt und spielten es beim Fest des Schreins.
Damals hätte ich mir nie vorstellen können, dass daraus eine professionelle Taiko-Gruppe wird, die mehr als 30 Jahre besteht und auf der ganzen Welt auftritt. Wir hatten nicht einmal den Namen ’Yamato’. Aber ein Gefühl von damals ist bis heute geblieben: dass das, was wir tun, Menschen Energie geben und sie lebendig fühlen lassen kann.
Heute ist ’Yamato’ nicht nur etwas, das dem Publikum Kraft gibt. Es gibt auch mir persönlich immer weiter Kraft.

Die neue Show trägt den Titel ’Hito no Chikara – Die Macht der menschlichen Stärke’. Was steckt für Sie persönlich hinter diesem Thema?
KI und Technologie entwickeln sich heute sehr schnell. Autos fahren autonom, und manchmal fühlt es sich an, als bewegten wir uns auf eine Welt zu, in der menschliche Kraft nicht mehr gebraucht wird. Vielleicht könnte eines Tages sogar Taiko perfekt von Robotern gespielt werden.
Vielleicht könnten Maschinen sogar die kleinen Unvollkommenheiten nachbilden, die eine Aufführung menschlich wirken lassen. In so einer Zeit wollten wir uns selbst wieder fragen: Was bedeutet das, was wir tun? Und zugleich hoffte ich, dass auch das Publikum spürt, wie außergewöhnlich menschliche Kraft ist.
Diese Arbeit soll für uns und für das Publikum eine Möglichkeit sein, die Macht des Menschen wiederzuentdecken und daran zu glauben. Deshalb haben wir den Titel ’Hito no Chikara – Die Macht der menschlichen Stärke’ gewählt.

Wenn Sie eine neue Show entwickeln: Womit fängt es an?
Für mich beginnt eine neue Produktion immer mit dem Titel. Diesmal war es ’Hito no Chikara’. Bei jeder Produktion denke ich zuerst darüber nach, was ich in diesem Moment meines Lebens wirklich sagen möchte. Dann suche ich nach einem Titel, der mit diesem Gefühl verbunden ist.
Wenn der Titel feststeht, behalte ich dieses Bild im Kopf und beginne, neue Musik zu entwickeln. Wir verwenden auch Stücke aus früheren Produktionen. Deshalb überlege ich genau, wie jedes Stück dem gesamten Thema eine andere Farbe oder Bedeutung geben kann.
Der Titel ist für mich also nicht nur ein Name. Er wird zum Kern der ganzen Produktion.
Woran liegt es, dass die japanische Trommelkunst Menschen auf der ganzen Welt so direkt erreicht?
Musik überschreitet von Natur aus Sprache und erreicht Menschen emotional. Aber Taiko ist noch körperlicher. Normalerweise denkt man bei Musik an etwas, das man mit den Ohren hört. Taiko geht darüber hinaus.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass man Taiko nicht einfach ‘hört’. Der Klang erreicht einen direkt über die Haut. Er dringt durch die Poren des Körpers ein, erschüttert Muskeln und Nerven und fühlt sich manchmal so an, als würde er Herz und Gehirn direkt zum Schwingen bringen.
Darum glaube ich, dass Taiko nichts ist, dem man nur zuhört. Es ist etwas, das den Menschen selbst erschüttert. Natürlich gibt es bei Musik immer Genres und persönliche Vorlieben. Aber Taiko geht irgendwie über diese Kategorien hinaus. Es erreicht Menschen direkt, unabhängig von Nationalität, Kultur, Alter oder Geschlecht.
Ich würde nicht einmal sagen, dass Taiko Grenzen überschreitet. Es kommt beim Menschen an, bevor diese Grenzen überhaupt entstehen.

Die Gruppe lebt, trainiert und arbeitet sehr eng zusammen. Wie wichtig ist diese gemeinsame Disziplin für die Energie, die später auf der Bühne entsteht?
Viele sagen, dass unsere gemeinsame Lebensweise etwas Besonderes ist. Natürlich ist sie wichtig für uns. Aber ursprünglich haben wir nicht aus einer idealistischen Philosophie heraus begonnen, zusammenzuleben.
Als ’Yamato’ von einer Hobbygruppe zu etwas wurde, von dem wir leben mussten, hatten wir einfach kein Geld. Wir mieteten ein Haus im Dorf Asuka in Nara – dort leben und arbeiten wir bis heute. Wenn Menschen zusammenleben, sieht man alle Seiten voneinander.
Es gibt Frust, Meinungsverschiedenheiten, Momente, in denen Charaktere aufeinanderprallen. Menschen sind nie vollkommen gleich.
Am Ende ist für mich wichtig, was zwischen den Menschen entsteht. Lassen wir Unterschiede auseinanderdriften? Kämpfen wir gegeneinander? Oder versuchen wir, einander zu verstehen und anzunehmen? Das heißt nicht, einfach alles auszuhalten oder sich anderen zwanghaft anzupassen.
Es bedeutet, einander zu respektieren und zugleich die Distanz und Reibung anzusehen, die zwischen Menschen natürlich entstehen. Eigentlich ist das nichts, was nur ’Yamato’ betrifft. Familien, Paare, Freunde, Gemeinschaften – alle leben auf irgendeine Weise mit anderen zusammen.
Vielleicht ist das, was wir tun, nur eine intensivere Form davon. Durch diese Erfahrung spüren wir immer wieder die Schönheit, eins zu werden. Die Kraft eines Einzelnen bleibt die Kraft eines Einzelnen.
Aber wenn Menschen wirklich miteinander verbunden sind, kann daraus eine drei- oder viermal größere Energie entstehen.
Wenn ich stark bin, kann ich jemand anderem Energie geben. Und wenn ich jemandem helfe, stärker zu werden, bekomme ich selbst wieder Kraft zurück. Das erleben wir durch Taiko – und durch die Verbindung mit dem Publikum.

Hierzulande haben Sie bereits weit über eine Million Menschen erreicht. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum ’Yamato’ in Deutschland so stark angenommen wird – und gibt es für Sie besondere Erinnerungen an Auftritte in Bremen?
Dass wir in Deutschland seit so vielen Jahren auftreten können, liegt daran, dass es von Anfang an Menschen gab, die an ’Yamato’ geglaubt und uns dem deutschen Publikum vorgestellt haben. In Deutschland haben wir sehr viel gelernt und wurden sehr gefordert.
Deutschland hat uns nicht nur etwas über Taiko gelehrt, sondern über die Kraft, die Unterhaltung und darstellende Kunst zwischen Menschen entstehen lassen können. Wenn wir ehrlich versucht haben, etwas Wichtiges zu vermitteln, hat das deutsche Publikum ehrlich darauf geantwortet.
In diesem Sinne habe ich das Gefühl, dass ’Yamato’ vom deutschen Publikum mitgeformt wurde. Es gab auch schwierige Zeiten. Aber sie gemeinsam zu überwinden und heute noch in Deutschland auftreten zu können, macht mich sehr glücklich.
Bremen ist in Japan tatsächlich ein sehr berühmter Name. Natürlich wissen viele Japaner vielleicht nicht genau, wo Bremen liegt. Aber fast jedes Kind kennt die Geschichte von den Bremer Stadtmusikanten. Auch ich bin mit dieser Geschichte aufgewachsen.
Wenn wir nach Bremen kommen, gehen wir zur berühmten Statue, berühren die Beine des Esels, wünschen uns etwas und machen Fotos. Auch ’Die Bremer Stadtmusikanten’ ist eine Geschichte darüber, dass unterschiedliche Individuen zusammenkommen und durch Musik gemeinsam etwas schaffen.
Darin sehe ich etwas, das ’Yamato’ sehr ähnlich ist. Deshalb hoffe ich, dass wir in Bremen mit genug Energie und Geist dort stehen können, um selbst als ein kleiner Teil der Bremer Stadtmusikanten angenommen zu werden. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Menschen nicht nur kommen, um unseren Klang zu hören, sondern um ihn gemeinsam mit uns körperlich zu erleben.
Christoph Becker
Hier geht’s zu „Little Bremen“, einen Ort, mitten in Japan, der Bremen feiert!






