Nur noch rote Preisschilder – oder: Meine persönliche Anti-Inflations-Strategie
Inflation an sich ist ja etwas Abstraktes, wenn man darüber in den Medien hört oder liest. Sie kommt schleichend, lautlos, beinahe unsichtbar daher, nur um einem an der Supermarktkasse plötzlich laut ins Ohr zu schreien: „Das war früher billiger!“ – Früher ist dabei ein sehr dehnbarer Begriff. Früher kann gestern sein, letzte Woche oder das sagenumwobene Zeitalter vor Corona- und Ukrainekriegsausbruch – kurz gesagt: früher ist die Zeit, als ein Kaffee noch ein Kaffee war und kein Luxusgetränk mit Investmentcharakter.
Ich habe lange versucht, mich der allgemeinen Preissteigerung mit klassischen Mitteln zu widersetzen. Einkaufszettel (habe ich leider immer zuhause vergessen, als ich losgefahren bin zum Supermarkt), Preisvergleiche (mühsame Sisyphusarbeit, die schnell einer Nebenbeschäftigung gleichkommt), Auferlegung von Selbstverboten bezüglich Spontankäufen (erfordert ein erhebliches Maß an Disziplin, die ich nicht habe). Ergebnis: alles gescheitert. Also musste eine neue Strategie her, eine radikale – eine rote.
Rote Preisschilder sind die letzte Bastion der Hoffnung – das wusste schon meine schwedische Tante, die mir das von Kindesbeinen an immer wieder gepredigt hat. Schweden – Sie wissen schon, das Land, in dem die Mehrwertsteuer höher ist als die Einwohnerzahl und in dem Astrid Lindgren einmal mehr als 102 Prozent Steuern zahlen musste. Gewissermaßen ist dieses Land der Erfinder der hohen Preise und für mich ist meine Tante die Erfinderin der Rote-Preise-Sparstrategie. „Ich kaufe nur Sachen, auf denen ein rotes Preisschild drauf ist, dann ist alles vieeeeeel billiger“, sind ihre Worte seit jeher. Und das mache ich jetzt auch. Ich schalte gewissermaßen auf selektive Wahrnehmung im Supermarkt – die roten Aufkleber leuchten mir entgegen wie kleine Revolutionsfahnen im grauen Einerlei der Normalpreise. „Reduziert!“, sagen sie, „20 Prozent“, „30 Prozent“, manchmal gar 50 oder 70 Prozent weniger kosten die Sachen, auf denen die Kleber prangen. „Jetzt zugreifen!“, rufen sie mir entgegen. Und wer bin ich, mich diesem Ruf zu widersetzen? In Zeiten der Inflation ist Widerstand zwecklos, aber Reduktion ist Pflicht. Seitdem gilt bei mir die einfache Schwedentanten-Regel: Ich kaufe nichts mehr, was kein rotes Preisschild hat. Gar nichts.
Das klingt vernünftig, sparsam, fast schon asketisch. Leider habe ich diese Regel sehr großzügig, gar inflationär ausgelegt. Denn das rote Preisschild ist mir wichtiger geworden als der Gegenstand, auf dem es sich befindet. Ich sehe kein Produkt mehr, ich sehe nur noch Ersparnis. Prozentzeichen ersetzen Inhalte. Der ursprüngliche Preis ist mein Feind, der neue rote Betrag mein Freund.
So kam es, dass ich kürzlich einen elektrischen Nasenhaartrimmer erwarb, obwohl mir gar keine Haare aus der Nase wachsen. Von den 20 Packungen Hühneraugenpflaster ganz zu schweigen – aber reduziert um 70 Prozent. Wer soll denn da standhaft bleiben? Eben. Kleiner Tipp am Rande: Versuchen Sie nicht, die übliche Flasche Wein, die Sie sonst als Gastgeschenk mitbringen, durch zwei Packungen Hühneraugenpflaster zu ersetzen – das habe ich gemacht – von diesen Menschen bin ich seitdem nicht mehr eingeladen worden.
Mein Haushalt ist inzwischen eine Art museale Sammlung der Sonderangebote. Da liegen Silikon-Eiswürfelformen in Ananasform neben LED-Teelichtern mit Timerfunktion. In meinem Vorratsraum stehen dreißig Dosen Katzenfutter, obwohl ich gar keine Katze habe. Vielleicht kommt ja mal eine zu Besuch. Oder ich vererbe die Dosen einfach.
Besonders gefährlich sind rote Preisschilder an Orten, an denen sie eigentlich nichts zu suchen haben, etwa in der Kassenschlange im Baumarkt.
Eigentlich brauche ich keine Ersatzdichtungen und auch keine Sägeblätter für eine Dekupiersäge – ich weiß noch nicht mal, was eine Dekupiersäge ist. Aber sie waren um 40 Prozent billiger. Und irgendwann werde ich sicher sehr froh sein, sie zu haben. Denn Sie wissen ja: haben ist besser als brauchen.
Mein Geldbeutel allerdings zeigt sich aber leider von all dem unbeeindruckt. Entlastung? Fehlanzeige. Im Gegenteil: Er wirkt zunehmend resigniert. Denn jedes Mal, wenn ich ein rotes Preisschild sehe, schlage ich zu, reflexartig und konditioniert wie ein Pawlowscher Hund mit Einkaufswagen. Das Geräusch des Abziehens der roten Folie vom Etikett, wenn ich dann zuhause bin, löst in mir regelrecht Glücksgefühle aus. Sparen fühlt sich plötzlich an wie Konsum auf Speed.
Freunde fragen mich, ob sich das denn wirklich lohnt. Ob ich denn all das brauche. Manche Fragen sollten wirklich verboten werden. Ich besitze eben eine ganze Menge sonderbaren Kram. Aber zu unschlagbaren Preisen.
Der Zweck mancher dieser Dinge erschließt sich mir zwar oft nur theoretisch: multifunktionale Küchenhelfer mit mindestens siebzehn Einsatzmöglichkeiten, von denen ich keine einzige nutze, Pflegeprodukte für Hauttypen, die ich vermutlich nie haben werde, ein Notizbuch mit der Aufschrift ‚My Best Ideas‘, reduziert, immer noch leer, aber voller Potenzial.
Manchmal frage ich mich, ob die Inflation am Ende doch gewonnen hat. Sie hat mich dazu gebracht, mehr zu kaufen, um weniger zu zahlen und dabei mehr auszugeben als je zuvor. Ein paradoxes Wirtschaftswunder im eigenen Haushalt. Aber dann sehe ich sie wieder, diese kleinen roten Schilder und denke: Wenigstens habe ich clever verloren und Spaß dabei gehabt.
Und sollte die Inflation weiter steigen, bin ich vorbereitet. Mit Nasenhaartrimmer, Hühneraugenpflaster und LED-Teelichtern. Alles reduziert.
Regina Gross
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