Record Release Show
Komahawk sind zurück
Nach fast drei Dekaden kehren die Bremer Crossover-Metaller mit ihrem starken neuen Album ‚Doomsday For Democracy‘ zurück und legen zum Release am 13. Juni die Zollkantine in Schutt und Asche. Unterstützt werden sie dabei von den melodischen Thrash Metallern ‚Tyson‘ aus Kiel. Die Bremer Postcore/Noise-Truppe ‚Judas Hengst‘, die ebenfalls ein paar neue Songs dabeihaben dürfte, eröffnet den Abend.


Als ’Komahawk’ Anfang der 90er in Bremen loslegten, war Crossover noch kein sauber einsortiertes Genre, sondern eher ein wilder Zusammenstoß aus Thrash Metal, Hardcore, Punk und jeder Menge Energie. Auf dem Debüt ‚No Hope For Tomorrow‘ von 1994 klang das entsprechend ungeschliffen, druckvoll und direkt: Riffs nach vorn, Haltung im Anschlag, keine Lust auf musikalische Leitplanken. Mit ‚Slow‘ legte die Band 1996 nach und schärfte ihren Sound weiter zwischen metallischer Härte, Hardcore-Kante und rotzigem Underground-Gefühl. ’Rhytmo Fantastico’ von 1998 öffnete das Ganze noch einmal stärker in Richtung Groove und Funk, ohne den Thrash-Punk-Kern aus den Augen zu verlieren. Danach wurde es lange still um die Bremer. Jetzt sind ’Komahawk’ zurück – nicht als nostalgische Rückschau, sondern mit neuem Material, alter Freundschaft und genug Wut im Bauch für ein Album mit dem prophetischen Titel ‚Doomsday For Democracy‘. Der BREMER hat sich mit ‚Komahawk‘-Sänger und Gitarrist Lars Groß unterhalten.
BREMER: Warum hat es fast 28 Jahre gedauert bis zum neuen Komahawk-Album? Was war der Auslöser für die Reunion? Und was habt ihr in der Zwischenzeit gemacht?
Lars Groß: Wir haben uns zwischenzeitlich immer mal getroffen, um zu mucken, und waren immer Freunde. Es gab aber auch andere Ambitionen. Nach ’Komahawk’ haben wir ’Capsize’ gegründet. Da war dann mehr das musikalische Ausprobieren angesagt. Crossover und neue musikalische Einflüsse waren in der Zeit für uns wichtig. Dann trennten sich unsere Wege und ich gründete mit anderen Freunden die Band ’President Evil’. Das war relativ schnell erfolgreich und wir tourten mehrere Jahre durch Europa. Dann wurde ich Vater und kurz danach richtig schwer krank und brauchte fast drei Jahre, um wieder auf die Beine zu kommen. Danach folgten für mich einige Projekte, die anderen haben sich eine musikalische Auszeit gegönnt. Bis Anfang dieses Jahres habe ich noch als Live-Gitarrist bei der Band ’Motorjesus’ ausgeholfen. Auslöser für eine Reunion war eigentlich das 20-jährige Jubiläum unserer ersten Platte ’No Hope For Tomorrow’. Da haben wir in der Towerbar gespielt und wieder Bock bekommen. Ab dann probten wir wieder, und mit der Zeit entstanden neue Stücke. Die sollten dann nun auch irgendwie mal raus an die Öffentlichkeit. So ist das dann als Idee gewachsen, und wir sind sehr froh darüber.
Was hat sich aus Deiner Sicht in der Metal- oder insgesamt in der Musikszene verändert? Was ist einfacher, was schwieriger geworden?
Nun ja, als wir angefangen haben, gab es halt keine Smartphones mit Kamera oder Internet. Das ist auch gut so, da wäre so einiges im Netz gelandet, was wir heute nicht sehen wollen würden (lacht). Ich finde, es gibt positive und negative Entwicklungen. Das größte Negative ist für mich, dass das Musikalische so ein Nebenbei-Ding geworden ist. Ach, die haben eine neue Platte. Hör mal rein. Früher habe ich mich auf eine neue Scheibe schon eine Woche vor VÖ gefreut und darauf hin gefiebert. Durch das Streaming ist der Wert der Musik extrem gering geworden. Die Metalszene hat sich weiterentwickelt, und das ist auch gut so. Vieles gefällt mir nicht, aber es gibt auch viel Neues und sehr Gutes zu entdecken. Ich bin halt alt und auch nicht Zielgruppe. Diesen Social-Media-Hype kann ich nicht mitgehen, und was wer isst oder wann wer wie zum Sport geht, interessiert mich einfach nicht. Ich glaube, als unbekannte Band ist es schwieriger geworden, weil alle Bands auf den Social-Media-Plattformen durch die neue Technik perfekt scheinen, es aber immer weniger Möglichkeiten gibt, live zu zocken. Von allem ein bisschen fände ich am coolsten.
Was ist Dir aus der Bandzeit in den 90ern am meisten in Erinnerung geblieben?
Die Tour mit ’Sacred Reich’ auf alle Fälle. Job gekündigt, mein Mitbewohner hat uns damals den alten VW-LT-Transporter gekauft, weil wir keine Kohle hatten. Holzliegewiese reingezimmert und los. Keine Schlafplätze, keinen richtigen Plan, aber jede Menge Neugier am Start. Das war auf alle Fälle besonders.
Wie habt ihr euch seit damals musikalisch verändert?
Wir lassen mehr Einflüsse zu. Wir sind immer noch tief im alten Thrash Metal, Hardcore und Punk verwurzelt. Ich bin offen für alle musikalischen Einflüsse. Nur Elektronik hat mich noch nicht überzeugen können. Wir haben auf der neuen Scheibe sehr unterschiedliche Stücke und haben das auch so gelassen. Wenn das Riff beim Jammen gut ist, ist es gut. Fertig.
Wie wichtig sind euch politische Inhalte? Wie ist ’Doomsday For Democracy’ gemeint, und welche Songs vom neuen Album stehen für eure Haltung?
Dass die Demokratie weltweit ums Überleben kämpft, sollte mittlerweile jeder mitbekommen haben. Konservative und Faschisten sind auf dem Vormarsch, und die Ideologie setzt sich in den Köpfen der Menschen fest. Die Menschen scheinen die Nazizeit vergessen zu haben. Ich habe das Gefühl, es entwickelt sich zurück. Alles Positive, wofür viele Menschen gekämpft haben, wird auf einmal negativ. Frau Weidel ist die zweitpopulärste Politikerin in Deutschland, ohne jemals, aus meiner Sicht, eine vernünftige Antwort auf eine Frage gegeben zu haben. Wie geht so was? Wie können Menschen mit einem migrantischen Background die AfD wählen, während die ganz offen von Remigration spricht? Das entzieht sich meinem Verständnis. Ich habe 1994 den Text zu ’Sick Society’ geschrieben. Leider ist das Stück heute richtiger denn je. Wir stehen ganz klar für Demokratie und die Freiheit jedes Einzelnen, solange die Grenze des anderen nicht verletzt wird.
Christoph Becker
Am 13. Juni um 20 Uhr, Zollkantine
Tickets unter zollkantine.ticket.io/ und bei Hot Shot
Album-Review

Thrash/Crossover Metal
Komahawk
Doomsday For Democracy
Fuego Records
28 Jahre haben sich die Bremer Underground-Crossover-Pioniere Zeit gelassen für ein neues Album. Und das fackelt nicht lange, sondern geht nach kurzem Intro direkt in die Vollen. ‚Rich And Dead‘ und der Titelsong als Eröffnungsdoppel stehen dabei als thrashige Gesellschafts- und Kapitalismuskritik für die klare Haltung der Band. Soundmäßig bleibt das Ganze weiterhin der Mischung aus Punk, Thrash, Hardcore verhaftet, aber auch rockig-melodische Elemente und groovige Passagen zeugen von der scheuklappenlosen Herangehensweise. Hauptsache, das Riff sitzt. Nicht Jesus, sondern ‚Slayer Saves‘ tönt es im gleichnamigen Stück, das die Rhythmik und Riffs der 80er Thrash-Legenden perfekt aufgreift. ‚New World To Kill‘ atmet den Geist der Crossover-Ikone ‚Biohazard‘. Das punkige ‚Blow On The Coals‘ warnt vor schwelendem Faschismus und Rassismus. ‚Hellhole‘ geht sofort ins Genick und bietet musikalischen Eskapismus aus dem Höllenschlund der realen Welt. Das abschließende Instrumental ‚The Hope Dies Last‘ beschließt das starke Comeback der Bremer.
Christoph Becker
4/5 Sterne






