Jürgen Becker – Deine Disco
Jürgen Becker im BREMER-Interview
Jürgen Becker gehört seit Jahrzehnten zu den prägenden Stimmen des politischen Kabaretts. Mit der ’Stunksitzung’, den ’Mitternachtsspitzen’ und seinen Bühnenprogrammen verbindet er genaue Beobachtung, rheinischen Witz und gesellschaftlichen Kommentar. In ’Deine Disco – Geschichte in Scheiben’ erzählt er nun, wie Musik Politik macht: als Live-Radioshow mit Platten, Protest und Pointen – von Pink Floyd bis zur Klimabewegung.
’Deine Disco’ erzählt Geschichte über Musik. Welcher Song oder Sound war für Sie der erste, bei dem Musik mehr war als Unterhaltung?
Also, ich bin ja in einer Zeit groß geworden, in der die Erwachsenen Rex Gildo hörten und die jungen Leute ‘Pink Floyd’. Davor gab es so eine Phase, da gab es sowas wie Mungo Jerry mit ’In the Summertime’. Aber dann kam mit Pink Floyd plötzlich ein anderer Sound rein, der die Wahrnehmung verändert hat.
Dass Musik doch irgendwie eine größere Bedeutung zu haben schien. Und diese Hybris, die ‘Pink Floyd’ auch hatte, also dieser Anspruch von Größenwahn, dass Musik einen eigentlich auf eine andere, ferne Bewusstseinsebene hebt, das nehme ich aufs Korn und sage: Rex Gildo war eigentlich besser. (lacht)
’Deine Disco’ ist wie eine Live-Radioshow angelegt. Was reizt Sie an dieser Form?
Ich habe nach einem neuen Format gesucht und gemerkt: In der heutigen Zeit kann man nicht immer nur den Finger in die Wunden der Zeit legen und aufzählen, was alles schiefläuft. Die Leute brauchen im Moment auch so ein bisschen mentale Aufbauarbeit.
Man muss jetzt mal Mut und Tapferkeit verbreiten und sagen: Leute, ihr wart gut, ihr könnt auch weiter gut sein. Und diese Arroganz, die man bei Merz so durchhört – die Deutschen sind alle faul, außer er –, das geht nicht. Also man muss die Leute bei ihren Stärken packen. Und das geht mit Musik wunderbar.
Die Leute erinnern sich an ihre früheren Zeiten und denken: Das müsste man in Zukunft eigentlich auch so machen.
Das ist eigentlich meine Message. Und das funktioniert auch gut. Die Leute sagen mir hinterher immer: Herr Becker, das hat mir gutgetan. Das habe ich vorher noch nicht gehört.
Viele politische Bewegungen hatten ihren Soundtrack. Warum ist es heute, etwa bei der Klimabewegung, so schwer, einen gemeinsamen Sound zu finden?
Ich glaube, man hat sich nicht darum bemüht. Das war ein taktischer Fehler. Man hat nur gesagt: „Follow the Science“, also: Folge der Wissenschaft. Das stimmt zwar. Alle Wissenschaftler geben ja ‚Fridays for Future‘ recht. Aber das weckt keine Emotionen.
Und ich habe auch gesagt: Wenn ihr ein Thema nach vorne bringen wollt, müsst ihr die Emotionen bedienen. Ohne Groove kein Move. Und man muss die Musiker mit einbeziehen. Und vor allen Dingen auch die Künstler. Joseph Beuys hat ja auf die Frage, ob man mit Kunst die Welt verändern kann, gesagt: Nur mit Kunst.
Das ist natürlich übertrieben, aber es ist etwas Wahres dran. Also man muss nicht nur wissenschaftlich denken, sondern eben auch emotional. Und wenn man das verbindet, dann hat man eine Chance.
Musik und Comedy haben Timing gemeinsam. Wie bewusst arbeiten Sie auf der Bühne damit?
Ja, man muss das genau austüfteln. Da sind ja ungefähr 90 Files, die man einblendet. Mit der Zeit kriegt man sehr gut raus, wo man rausgeht, wo man runterblendet, wo man drüberspricht.
Das sind Sachen, die ein Discjockey auch weiß: Drüber spricht man beim Instrumentalteil, nicht da, wo gesungen wird.
Das so hinzutüfteln, macht total Spaß.
Mike Herting, der mal Leiter der WDR Big Band war, hat mir dabei geholfen, auch mein Co-Autor Dietmar Jacobs. Wir drei hatten unheimlichen Spaß daran: Das lassen wir noch ein bisschen länger stehen, das machen wir noch kürzer. Es ist viel Feinschliff dabei.
Reagieren Menschen heute anders auf politische Satire als früher?
Auf jeden Fall. Wir hatten früher in meiner Szene die Attitüde, gegen die Gesellschaft zu sein. Wir waren ja anders. Wir waren die Alternativen, die Linken und so weiter. Davon müssen wir uns jetzt verabschieden. Wir müssen uns von der Attitüde verabschieden, gegen die Gesellschaft zu sein. Jetzt müssen wir sie verteidigen.
Das heißt: ein anderes Programm machen. ’Deine Disco’ ist das. Da verteidige ich eigentlich die Gesellschaft, die wir haben. Und appelliere daran, sie weiterzuentwickeln und nicht aufzugeben.
Sie kommen nach Ritterhude und Bremen. Haben Sie Bezüge zu unserer Region?
Ja, ich war ja schon ganz oft in dieser Region, also in Norddeutschland. Und ich habe immer ein gutes Gefühl. Das ist leichter als in Bayern, komischerweise. Denn eigentlich ist Norddeutschland ja eher protestantisch geprägt, Bayern eher katholisch. Das heißt: Die etwas karnevalistische Art, die ich habe, passt nicht so ganz in die protestantische Gegend.
Aber genau das macht den Reiz aus. Also ich spiele in Norddeutschland viel öfter als in Bayern.
Drei Songs für die einsame Insel – welche wären das?
Vicky Leandros: ’Ich liebe das Leben’. Das ist für mich ein sehr gut gemachtes Lied. Auch wenn es ein Schlager ist.
Dann die holländische Gruppe ’Focus’. Die gefällt mir gut. Sowas wie ’Sylvia’ oder so. Also Lieder, bei denen auch Bach durchklingt, bei denen irgendwie die Verbindung von klassischer Musik und Popmusik deutlich wird. Dazu gehört auch ’Father Christmas’ von ’Emerson, Lake & Palmer’, mit Prokofjew-Zitaten. Diese Verbindung mag ich immer gerne.
Ich war gerade in Berlin und habe zufällig die Tamara-Danz-Straße gesehen. Und da habe ich an ihre Gruppe ’Silly’ gedacht, aus der DDR. Die verehre ich auch sehr. Das Lied ’Die verlorenen Kinder in den Straßen von Berlin’.
Und welche drei Alben?
Alben … Dann würde ich sagen: ’The Rolling Stones’, das Album mit dem Reißverschluss, ’Sticky Fingers’. Das habe ich auch an der Wand hängen. Das Cover ist von Andy Warhol. Das wurde ja irgendwann abgeschafft, weil beim Blättern in den Albenordnungen der Reißverschluss gegen die andere Platte schrammte und das Cover dadurch Schaden nahm. Deshalb haben die den Reißverschluss abgeschafft.
Dann noch ’Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band’. Und wo wir in Norddeutschland sind: James Last ’Non Stop Dancing’. ’Here Comes the Sun’ von den Beatles, arrangiert im Happy Sound von James Last – ein musikalischer Aperol Spritz.
Christoph Becker
Am 9. Juni um 20 Uhr, Hamme Forum Ritterhude. Weitere Infos: hammeforum.de
Am 4. Dezember um 20 Uhr, Kulturzentrum Schlachthof, Kesselhalle, weitere Infos www.schlachthof-bremen.de
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![Pressefoto_Jürgen Becker_(c)Sven Knoch[72][8][80] Jürgen Becker Foto: Sven Koch](https://www.bremer.de/wp-content/uploads/2026/06/Pressefoto_Juergen-Becker_cSven-Knoch72880-scaled-e1780566865162-1068x943.jpg)





