Hier. Da. Später. Teuer. Viel – Oder:
Mein anhaltendes Leid mit dem Ungefähren
Es gibt Tage, da wünsche ich mir ein Koordinatensystem für meine Mitmenschen. So ein richtiges Raster wie früher in der Schule im Matheunterricht – mit klarer X- und Y-Achse, sauber beschriftet mit eindeutigen Angaben. Stattdessen operiert mein Umfeld mit diffusen Worthülsen wie „später“, „viel“, „hier“ oder „da“, die immer einer Auslegung bedürfen.
Wo bist du?“, rufe ich durchs Haus. Eine präzise, ortsbezogene Frage. Subjekt, Prädikat, Ortsadverb. Die Antwort kommt aus dem Off, akustisch schwer einzuordnen: „Hiiiiieeer!“
Hier. Ich stehe ebenfalls hier. Sogar sehr hier. Wir sind alle hier. Das Haus ist hier. Die Welt ist hier. Nur die gesuchte Person bleibt unauffindbar. Man könnte meinen, das Wort „hier“ sei eine Art universeller Joker, ein sprachlicher Lottoschein: Irgendwo wird es schon passen. Vielleicht im Gäste-WC, vielleicht in der Küche, vielleicht auch im Abstellraum zwischen Weihnachtsschmuck und Waschmaschine. Eins sag‘ ich Ihnen: „Hier“ ist keine Ortsangabe. „Hier“ ist eine Zumutung.

Neulich, beim Spaziergang mit den Hunden – auswärts wohlgemerkt, auf fremdem Terrain, kam es noch schlimmer. Man läuft, plaudert, läuft weiter, bis irgendwann das Gefühl einsetzt, dass man seit zwanzig Minuten immer wieder am selben schiefen Birkenstamm vorbeikommt. Ich äußere: „Ich glaube, wir haben uns verlaufen.“ Mein Mitläufer, ein Mann von grundsätzlich optimistischer Vagheit, winkt ab: „Ach was.“ Fünf Minuten später passieren wir wieder diesen schiefen Birkenstamm. Ich bitte ihn, nach dem Weg zu fragen. Er trabt los, ich sehe aus der Ferne gestikulierende Bewegungen. Es wird erklärt, gezeigt, vermutlich in vollständigen Sätzen. Ich rufe: „Und? Wohin?“ – Antwort: „Da lang.“ – „Da lang“ ist die verbale Schwester von „hier“. Ein vermeintlicher Richtungshinweis ohne konkrete Richtung. Kein „links“, kein „rechts“, kein „den zweiten Feldweg hinter dem Hochsitz“. Nur ein „da lang“, das die Richtungsangabe irgendwo zwischen Nordost und persönlichem Bauchgefühl verortet. Ich spüre, wie mein Puls sich an die angespannte Hundeleine anpasst und hole mein Handy aus der Tasche, in der Hoffnung, in der Wildnis Empfang zu haben, damit Google Maps mir den Rückweg ansagen kann.
Geradezu ein Klassiker der approximativen Kommunikation sind Diskussionen über Lebensmittel. „Unglaublich, wie teuer alles geworden ist“, heißt es. „Das Hackfleisch neulich! Das hat vielleicht zu Buche geschlagen!“ Ich frage nach – interessiert, faktenorientiert: „Wieviel hast du denn gekauft?“
Daraufhin werden die Hände zu einem imaginären Ball geformt. „So viel ungefähr.“

Ich starre auf dieses unsichtbare Hackfleisch-Universum zwischen den Handflächen. 250 Gramm? 800? Ein halbes Rind? Grammangaben? Fehlanzeige.
Konkrete Zahlen scheinen manchen Menschen körperliche Schmerzen zu bereiten. Dabei leben wir in einem Land, das DIN-Normen erfunden hat. Wir können die Länge einer Büroklammer in Millimetern angeben, aber beim Hackfleisch endet die Präzision in der Handinnenfläche.
Es geht munter weiter. „Wann kommst du?“ – „Später.“ Später ist keine Zeitangabe, sondern eine philosophische Kategorie. Später kann heute Abend sein oder nach der nächsten Eiszeit.
„Wie war’s beim Arzt?“ – „Ganz gut.“ Ganz gut? Auf einer Skala von 1 bis 10? Mit Diagnose? Mit Therapieplan? Oder war nur der Wartezimmerstuhl bequem?
„Wo hast du den Schlüssel hingelegt?“ – „Auf den Tisch.“ Welchen Tisch? Ich besitze vier davon. Einen im Flur, zwei im Wohnzimmer, einen, dessen Existenz ich verdrängt hatte, bis er jetzt wieder relevant wird.
„Wie lange dauert das?“ – „Nicht lange.“ Das „nicht lange“ meines Gegenübers ist erfahrungsgemäß deckungsgleich mit meiner Definition von „halber Tag“.
Warum, frage ich mich, warum sprechen Menschen so?

Vagheit ist bequem. Präzision erfordert kognitive Anstrengung. Man muss nachdenken, sich festlegen, vielleicht sogar Verantwortung übernehmen. Wer „um 18.30 Uhr“ sagt, steht um 18.30 Uhr in der Pflicht. Wer „so gegen Abend“ murmelt, eröffnet sich einen semantischen Fluchtkorridor.
Vagheit ist sozial verträglich. Wenn man sagt: „Das war ganz gut“, vermeidet man Extreme. Keine Euphorie, keine vernichtende Kritik. Ein sprachliches Mittelmaß, in dem man sich gefahrlos bewegen kann. Und dann gibt es noch die Angst vor Festlegung. Wer „links“ sagt, könnte falsch liegen. Wer „da lang“ sagt, hat im Zweifelsfall nur die Geste gemeint. Wer „hier“ ruft, kann später behaupten, man habe sich eben verhört. Vielleicht ist es schlicht das Konzept der Unverbindlichkeit als Lebensstil.
Vielleicht hängt es auch mit dem Zeitgeist unseres Zeitalters zusammen. Alles ist „irgendwie“, „gefühlt“, „quasi“. Aussagen werden weichgespült. Niemand möchte kantig sein. Präzision wirkt fast schon aggressiv. Wenn man sagt: „Es sind exakt 430 Gramm Hackfleisch“, dann wird man schnell als pedantisch abgestempelt.

Manchmal stelle ich mir vor, ich würde genauso antworten. „Wo bist du?“ – „Hier irgendwo im Haus, in einem Raum mit Wänden.“ „Wie teuer war das?“ – „Mehr als nichts, weniger als ein Kleinwagen.“ „Wann treffen wir uns?“ – „In einem Zeitraum zwischen jetzt und später.“
Ich bin jetzt schon gespannt auf die Reaktionen.
Regina Gross
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