Klaus-Peter Wolf lebt als freier Schriftsteller in Norden, im gleichen Viertel wie seine Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Wie sie ist er nach langen Jahren im Ruhrgebiet, im Westerwald und in Köln, an die Küste gezogen und Wahl-Ostfriese geworden. Bislang sind seine Bücher in 24 Sprachen übersetzt und über neun Millionen Mal verkauft worden. Mehr als 60 seiner Drehbücher wurden verfilmt, darunter viele für den ‘Tatort’ und ’Polizeiruf 110’. Derzeit werden seine Bücher prominent fürs ZDF verfilmt. Für seine Bücher und Filme erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Mit dem Bestsellerautor führte BREMER-Autorin Fanny Quest ein exklusives Interview.

BREMER: Was gefällt ihnen als Wahlostfriese an der Küste?
Klaus-Peter Wolf: Als ich in Gelsenkirchen aufwuchs, war die Luft dort sehr schlecht (das ist heute anders). Ich habe, wie viele Kinder, Atemprobleme gehabt und man fuhr mit uns nach Ostfriesland. Ich glaube, dort habe ich zum ersten Mal richtig durchatmen können. Das haben sich Körper und Seele gemerkt. Für mich war Ostfriesland immer – wie für viele Menschen aus dem Ruhrgebiet – ein Sehnsuchtsort.

Die Ostfriesland ist Handlungsort Ihrer Krimis, können Sie diese jetzt noch in ihrer Schönheit sehen oder entdecken Sie überall Leichen und Morde?
Ich fahre mit dem Rad durch Ostfriesland und genieße diese Art der Recherche. Manchmal halte ich irgendwo an, weil mich die Schönheit fast zum Weinen bringt. Dann bleibe ich still eine Weile an diesem Ort und entscheide: Hier legst du eine Leiche hin. Ich nutze ja die Schönheit der Landschaft für ganz schreckliche Verbrechen. Kunst lebt vom Kontrast. In einer schaurigen Umgebung, wenn sowieso alles düster und kaputt ist, dann dort auch noch eine Leiche hinzulegen, reizt mich überhaupt nicht. In meinen Büchern sehen die Menschen den zauberhaft gepflegten Vorgarten mit den liebevoll gezüchteten Ro­sen. Und unter dem tadellos ge­mähten Rasen liegen dann aber die Überreste des Verbrechens be­graben.

Sollen die Bücher um Ann Kathrin Klaasen weitergeführt werden?
Ich habe mir viel Papier gekauft und da die Fans wissen, dass ich mit dem Füller schreibe, bekomme ich auch manchmal wunderbare geschenkt. Ich bin noch voller Geschichten und schreibe mit großer Leidenschaft.

Warum eigentlich das Genre Kriminalroman?
Ich wählte dieses Genre, weil ich darin die Abgründe der menschlichen Seele ausloten kann. Im Kriminalroman geht es immer um die Frage nach dem Warum, dem Motiv, deswegen sind gute Kriminalromane klar in Zeit und Raum verortet, immer gesellschaftlich re­le­vant und spiegeln die Widersprüche, in denen wir leben. Ich wollte ein großes Gesellschafts­panorama schreiben, angelegt auf viele tausend Seiten. Ich dachte, wenn man später alle Bücher nebeneinander legt, kann man sagen: So haben die damals gelebt. Das waren ihre Ängste, ihre Sehnsüchte, der Wahnsinn, der sie umgeben hat.

Was unterscheidet das Schreiben von Romanen vom Schreiben von Drehbüchern?
In den Romanen geschieht immer genau, was ich möchte oder plane. Wenn ich sage, dass es regnet, regnet es. In der Wirklichkeit ist das manchmal ein Problem. Beim Film genauso. Wenn ich Romane schreibe, arbeite ich mit der Phantasie meines Lesers. Wenn ich für den Film schreibe, sind meine Gegenüber Schauspieler, die diese Rollen auf ihre Weise und mit ihren Möglichkeiten ausfüllen. Das ist ein grundsätzlich anderer Prozess. Deshalb sind Leser manchmal von Filmen enttäuscht; auch wenn diese Filme großartig sind, werden sie selten deckungsgleich mit der Phantasie des Lesers sein. Unsere Phantasie ist sehr individuell. Wie schön!

Wie fühlen Sie sich nach dem Beenden einer Geschichte?
Das ist der schwierigste Tag. Viele meiner Kollegen sind glücklich, wenn sie den letzten Satz ge­schrieben haben und feiern eine Party. Bei mir ist das anders. Ich werde traurig, so als sei die Party vorbei, meine Gäste würden nach Hause gehen – ja, ich fühle mich verlassen. Dies zeigt vielleicht, wie intensiv meine Beziehung zu meinen Figuren ist. Um das Ende mit gutem Gefühl schreiben zu können, brauche ich immer be­reits den Anfang einer neuen Geschichte. Wenn ich die ersten Sätze des nächsten Romans habe, fühle ich mich leicht, bin fröhlich und dann kann ich auch den Schluss schreiben. Deshalb sind hinten in meinen Büchern immer bereits ein paar Seiten vom nächsten Roman. Das ist ein Versprechen an mich selbst und an meine Leserinnen und Leser.

Haben Sie noch viele Ideen für kommende Geschichten?
Im Juni erscheint mein zweiter Kriminalroman in diesem Jahr ‘Totenstille im Watt’. Da hat sich eine Figur in meine Phantasie gedrängt, ein raffinierter Verbrecher, ein großer Gegenspieler für Ann Kathrin Klaasen. Der gesamte Roman ist aus seiner Sicht erzählt. Wenn Sie so wollen, ein Experiment. Ich bin gespannt, wie das ankommt.

Wie gehen Sie mit dem immensen Erfolg um?
Wenn ich zuhause bin und für meine Freunde koche, bin ich ja kein Popstar, sondern nur der Idiot, der die Suppe versalzen hat. In der Öffentlichkeit sieht das anders aus, vieles wird durch den Erfolg leichter, aber einiges auch sehr viel schwerer. Zum Beispiel erreichen mich täglich gut 200 E-Mails und Facebookanfragen. Ich kann nicht alles lesen, geschweige denn, beantworten. Ich würde das aber gerne und verbringe oft Nächte damit. Es ist wunderbar, aber manchmal auch ein Höllenritt. Als öffentliche Figur werde ich natürlich auch angegriffen, das ist gerade im Internet ganz leicht.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Als ich klein war und in einem schwierigen Viertel von Gelsenkirchen aufwuchs, das heute als No-Go-Area durch die Presse geistert, sagte ich mir: „Lass dich nicht unterkriegen, Alter.“

Klaus-Peter Wolf
Ostfriesentod

Der elfte Fall für Kommissarin Ann Kathrin Klaasen ist wieder einmal nervenaufreibend, perfide und unglaublich spannend. Der ‘Twingo’ von Ann Kathrin Klaasen war geblitzt worden, aber zu einer Zeit und an einem Ort, an dem sie nicht gewesen sein konnte. Dann der noch größere Schock: Sie soll eine Frau erschossen haben. Mit ihrer eigenen Dienstwaffe. Die Beweise gegen Ann Kathrin sind erdrückend. Jemand hat sich ihrer Identität bemächtigt und verübt in ihrem Namen Straftaten. Jemand will sie vernichten. Der neue Kriminalroman lässt den Leser mitfiebern, er wohnt einem riesengroßen Unrecht bei, das niemanden kalt lässt. Fischer Verlag 10,99€

(Foto: Gaby Gerster)