„Was ist eigentlich an dir typisch schwedisch?“, fragte mich mein Liebster kürzlich auf einer Autofahrt. Während wir durch die Landschaft fuhren, dachte ich über die Frage nach und merkte, dass ich keine schnelle Antwort finden konnte.

Also, was meinst du jetzt genau? Außer der Tatsache, dass ich in direkter Linie mit Pippi Langstrumpf verwandt bin, meine Villa Kunterbunt sich aber nicht in Schweden, sondern in Bremen befindet, dass aus meinem Fenster kein Apfelschimmel herausschaut, sondern ein grauer Weimaraner und dass ich lieber mit dir anstatt mit einem Affen meine Zeit verbringe, wobei mir die Unterschiede da manchmal nicht so klar sind…“, versuchte ich ein wenig Zeit zu schinden, während ich immer noch überlegte.

„Nein, jetzt mal ernsthaft – die Durchschnittsdeutsche bist du nunmal nicht“, hakte er nach. „Damit könnte ich dich ja erstmal gegenfragen, was für dich ‘typisch deutsch’ ist“, erwiderte ich, bevor ich mich dann schließlich doch ins Zeug legte und versuchte, die Besonderheiten meiner Herkunft zu erklären.
Mal abgesehen von meinem Pass ist an mir nicht wirklich etwas ‘typisch deutsch’ – meine Mutter Schwedin, mein Vater Bessarabiendeutscher – geboren in einer Region in Südosteuropa am Schwarzen Meer, damals Rumänien, die mittlerweile zu Moldawien gehört.

„Du bist ein rumänischer Zigeuner in einem schwedischen Schafspelz“, hatte jemand einmal im Streit zu mir gesagt. Das traf mich – nicht zuletzt deshalb, weil dieser Spruch zeigte, wie krass dieser Mensch in plattesten Schwarz-Weiss-Kategorien dachte – Schweden ‘harmlos’ – Rumänien ‘schlitzohrig’. Ich bekam eine Ahnung davon, wie Alltagsrassismus funktioniert, obwohl ich als blauäugige blonde Frau ansonsten eher mit Blondinenwitzen konfrontiert werde als mit Fragen zu meiner Herkunft.
Und wenn mir Fragen zu meinem Ursprung gestellt werden, dann empfinde zumindest ich selbst diese nicht als ausschließend – interessanterweise betreffen diese Fragen fast ausschließlich meine ‘halbe’ schwedische Abstammung.

„Du wirkst immer so zufrieden“, ist eine Zuschreibung, die ich öfter zu hören bekomme und: „Es gibt original keinen anderen Menschen, der SO viel Kaffee trinkt wie du, ist das typisch für Schweden?“ Ich muss also mit der Außenwahrnehmung anfangen, um zu definieren, was an mir typisch schwedisch ist – ich selbst kenne mich ja nicht anders, als ich nun mal bin.

Vielleicht erfülle ich mit einigen meiner Verhaltensweisen nicht nur Klischees, sondern wirklich auch ländertypische Eigenarten. Tatsächlich ist es so, dass international nur die Finnen noch mehr Kaffee trinken als die Schweden. Und zufrieden zu wirken mit dem, was man hat, entspricht der schwedischen Einstellung, dass alles gut ist, wenn es ‘lagom’ ist – ‘lagom’ bedeutet soviel wie ‘genau richtig, genau Mittelmaß, nicht zuviel und nicht zuwenig’. Außerdem kann mich nichts und niemand davon abhalten, am 6. Juni den schwedischen Nationalfeiertag zu feiern – mit im Geiste gehisster schwedischer Flagge und einer leckeren ‘Smörgastarta’ (eine Art Sandwichtorte mit Fisch, Meeresfrüchten, Mayo und Eiern) – ja-a, sein Land kann man schon mal feiern – das mache ich aber eben nur als Schwedin, nicht als Deutsche. Außerdem bin ich stolze Besitzerin von 17 Dalapferden.
Und samstags kann ich so viele Süßigkeiten in mich reinschaufeln, wie ich will, also so, dass es in meinem Magen nur noch knallt und knistert, denn samstags gibt es ‘Lördagsgodis’ (Samstagssüßigkeiten) und das ist der Tag in der Woche, an dem die Schweden traditionell hemmungslos Bonbons in sich reinstopfen dürfen. Die ‘Lördagsgodis’ wurden vor einigen Jahrzehnten als geschickter Schachzug zum Wohle der Volksgesundheit in Schweden eingeführt, weil festgestellt wurde, dass gerade der Konsum von Süßigkeiten zu Kariesproblemen führt.

Und wenn ich eine Wohnung betrete, ziehe ich mir als erstes die Schuhe aus und wundere mich tatsächlich immer wieder darüber, dass Leute, die bei mir zu Besuch kommen, ihre Schuhe nur nach Aufforderung ausziehen. Tja, so ist das mit uns Schweden, denke ich.
Auf einmal erblicke ich während der Fahrt ein bekanntes blau-gelbes Schild, das mich jäh aus meinen Gedanken herausreißt. „Ok, ich erklär’ dir gleich, was typisch schwedisch an mir ist. Vorher müssen wir aber noch kurz bei Ikea halten, damit ich Köttbullar essen kann und einen Kaffee brauch ich jetzt auch“. „Schon in Ordnung“, höre ich von der Beifahrerseite, „von deinen schwedischen Eigenarten weiß ich glaube ich schon mehr als du selbst.“

Regina Gross