In den entscheidenden Momenten des Lebens ist man immer allein, habe ich mal gelesen. Nämlich genau dann, wenn man eigentlich ein größeres Publikum bräuchte, weil die Dinge ausnahmsweise endlich so laufen, wie man es sich vorstellt…aber NEIN – es guckt erst jemand, wenn’s mal wieder schief läuft – und zwar richtig…

Warum ist es eigentlich immer so, dass irgendwelche Gegenstände nur dann total galant aus fünf Metern Entfernung in den Mülleimer segeln, wenn ich allein im Büro bin? Ist jemand anders anwesend, versuche ich es mittlerweile gar nicht mehr, etwas aus größerer Distanz in die Tonne zu werfen, denn ich weiß schon vorher, dass ich den ollen Eimer wieder mal nicht treffe…

So geht es mir, wenn ich richtig darüber nachdenke, permanent. Rückwärts einparken etwa ist eine Disziplin, die ich geradezu hervorragend beherrsche, wenn ich allein im Auto sitze und mein rollendes Gefährt nachts um zwei im Viertel abstelle. Bin ich aber mit Filius und seinen Freunden am späten Nachmittag unterwegs in die City und versuche, die Karre an exakt demselben Punkt abzustellen, dann fahre ich 16 Mal rein in die Lücke und wieder raus, vorbeifahrende Radfahrer klappen mir wütend den Spiegel ein, die Straßenbahn bimmelt mich an und die Leute, die im Litfass ihr Feierabendbierchen trinken, lachen sich schief über das Schauspiel, das ich ihnen unfreiwillig biete – bis sich schließlich einer erbarmt, an die Fahrertür klopft und mir anbietet, den Wagen für mich einzuparken. Von Filius höre ich dann auch noch, dass ich „voll peinlich“ sei und zu guter Letzt bekomme von seinen Jungs als Krönung der ganzen Situation schließlich das Angebot, mit ihnen noch mal mit in die Fahrschule zu kommen, um endlich richtig einparken zu lernen.

Oder Laufen auf High Heels – da kann ich nur aus Erfahrung sagen: Fettnäpfchen sind nichts gegen Gitterroste vor Eingangstüren. Seit mindestens zwanzig Jahren trage ich Pumps – ich besitze überhaupt keine anderen Schuhe – und kann von mir eigentlich behaupten, eine geübte Absatzläuferin zu sein – besonders nach dem Anziehen beim Outfit-Check vor dem Spiegel kommt mir manchmal der Gedanke, dass ich mein Wissen, wie man sich mit elegantem Hüftschwung auf diesen Schuhen fortbewegt, eigentlich in High-Heel-Kursen an meine Geschlechtsgenossinnen weitergeben könnte. Wenn da nicht regelmäßig solche Situationen aufziehen würden wie letztens wieder: ich morgens auf dem Weg zum Termin, die Zeit wie immer gegen mich, in der einen Hand meine Tasche mit Unterlagen, in der anderen den To-Go-Kaffee, gerade bin ich dabei, mit dem Ellenbogen die Tür aufzustoßen – da verkeilen sich BEIDE 12cm-Stiletto-Absätze im Metallgitter des Edelstahl-Fußabtreters vor dem Eingang und der Kaffee, der oben aus dem Becher pülscht, verteilt sich großflächig über mein cremeweißes Kleid. Nicht genug damit, kann ich mich selbstständig nicht aus dieser misslichen Lage befreien, denn ich habe ja beide Hände voll.

Fensterputzer als Retter…

Wenn nicht der Fensterputzer vorbeigekommen wäre, der mir freundlicherweise Tasche und Kaffeebecher abnahm, damit ich meine Schuhe aus diesen Gitterrosten ziehen konnte, wer weiß, vielleicht würde ich da heute noch stehen als jämmerliches Symbol übersteigerter weiblicher Eitelkeit…

Ganz zu schweigen von meinen Versuchen, meinen immer noch ziemlich ungestümen sechs Monate alten Weimaraner zu zähmen. „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ und Clinton – mit der Namensgebung hatte ich nichts zu tun, das hat Filius sich überlegt – erst recht nicht. Deshalb heißt es für mich: Training, Training, Training. Ich buche also ein paar Termine bei einem Hundetrainer, der mir in den ersten Stunden zeigt, wie ich Clinton ‘leinenführig’ mache. Das ist bei Clinton auch bitter nötig, zumal ich sein Stockmaß, das jetzt schon bei 63 cm liegt, nur um einen knappen Meter überrage und er mit 28 Kilo schon die Hälfte meines Gewichts auf die Waage bringt. Mein Trainer zeigt mir den ‘kurzen Leinenrucker’, den ‘pädagogischen Flankenzwicker’ und den ‘abrupten Richtungswechsel’, um Clinton beim Gassigehen zu zeigen, wer hier von uns beiden die Chefin ist. Clinton benimmt sich auf den folgenden Spaziergängen geradezu vorbildlich – dieser Hund ist so ein Musterknabe, dass mein Liebster ganz begeistert sein Smartphone zückt, um stolz ein Live-Video von unserem vierbeinigen Meisterschüler in unserer Weimaraner-Gruppe zu posten…dreimal dürfen Sie raten, was vor Kurzem viral gegangen ist – genau: ein Pleiten-Pech-und-Pannenfilm von einer zeternden Frau, die von oben bis unten mit schlammigen Pfotenabdrücken versehen ist, mitsamt ihrem bellenden grauen Irrwisch, der ihr, bevor er sich ruckartig von der Leine losreißt, noch mal kurz seine Vorderpfoten auf die Schultern stellt und ihr zum Abschied quer übers Gesicht leckt, bevor er in die Tiefen des Waldes verschwindet.

Nun denn… wenn Sie sich jetzt fragen, wieviel Peinlichkeit ein Mensch ertragen kann, dann schließen Sie mich das nächste Mal bitte in Ihr Abendgebet mit ein…ich gehe derweil erstmal meinen Hund suchen.

Regina Gross