Wenn ich alle Minuten zusammenzähle, die ich schon damit verbracht habe, auf meinen Liebsten zu warten, dann hätte ich in dieser Zeit locker sowohl Tolstois ‘Krieg und Frieden’ als auch Joyces ‘Ulysses’ lesen können – zuerst im Original und dann in der Übersetzung. Vielleicht sollte ich das künftig tatsächlich machen, denn zu der Spanne des Wartens gesellt sich bei mir regelmäßig noch die Phase des drüber Ärgerns hinzu…

Verrückt ist das – in allen gängigen Medien bekomme ich permanent Tipps, wie ich meine Zeit optimiere oder richtig einplane. Wenn ich aber so richtig drüber nachdenke, dann wird mir die ganze Planung oder neudeutsch ‘Optimierung’ regelmäßig zerschossen von solchen Individuen wie meinem Freund, meinem Vater, meinem Hund oder dem Idioten, der gerade im Auto vor mir unterwegs ist und mit Strich 50 durch die Stadt schleicht…
Offenbar haben diese Leute ein völlig anderes Verständnis von Zeit als ich – besonders, wenn es um ‘meine’ Zeit geht – oder um das, was ich als ‘meine Zeit’ betrachte.
Da wäre also mein Vater, 80 Jahre und Pensionär. Für den sind Leute, die keine Zeit haben, entweder Menschen, die in der Hierarchiekette unserer Gesellschaft so weit unten stehen, dass sowieso nur deren Arbeitgeber über ihr Leben bestimmen oder Leute, die so stumpfsinnig sind, dass sie überhaupt nicht wissen, worauf es wirklich ankommt hier in dieser Welt.
Lässt sich durchaus hören, seine These, ist aber schwer zu ertragen, wenn er in meiner Begleitung drei Stunden – und da übertreibe ich nicht – bei seinem Lieblings-Aldi einkaufen gehen muss. Rechnet man seine Zeit – drei Stunden – und meine Zeit – nochmal drei Stunden – zusammen, dann kommt da mit sechs Stunden schon fast ein ganzer Arbeitstag bei raus.

So richtig lustig fand er es dann allerdings auch wiederum nicht, als ich ihm androhte, ihm künftig alles, was über eine Stunde ‘Einkaufswagen durch den Laden schieben’ hinausgeht, mit 5 Euro pro Minute in Rechnung zu stellen.
Wer auch sehr gern meine Zeitorganisation in seine Pfoten nimmt, ist mein Hund – der hat es sich offenbar zu seiner Lebensaufgabe gemacht, mir zu beweisen, dass die von mir vorbestimmten Gassigeh-Zeitfenster völlig unsinnig sind, denn besonders den Mittagspausen-Spaziergang nutzt er gern dazu, am Ende der Hunderunde in den schlammigsten aller Fleete zu steigen oder sich ausgiebig im Reiher-Dreck zu wälzen, nur um an­schließend in den Genuss einer halbstündigen, olfaktorisch unerlässlichen Badewannen-Shampoonierung zu kommen, bevor ich mich wieder an den Schreibtisch setzen kann – mit knurrendem Magen, denn mein Mittag­essen musste wegen der Hundebade-Session leider ausfallen.
So sieht’s aus mit meiner Zeit – und wenn mir wieder mal so ein Zeit-Effizienz-Ratgeber über den Weg läuft, dann juckt es mich regelmäßig in den Fingern, zum Telefon zu greifen und den Autoren des Textes anzurufen, um ihn zu fragen, auf welchem Planeten in dieser Milchstraße er eigentlich zuhause ist. Solche ‘Zeit-Spar-Tipps’ wie „erledigen Sie Duschen und Zähneputzen gleichzeitig“ oder „laufen Sie nie mit leeren Händen durch die Wohnung, sondern nehmen Sie immer etwas mit, was zurück an seinen Platz muss“, erzeugen in mir schon direkt Stress, wenn ich sie nur lese.
Nein – vom Zeit Optimieren, Organisieren und Managen hab’ ich ehrlich gesagt die Schnauze gestrichen voll – dazu bin ich nämlich bei dem mich umgebenden sozialen Umfeld permanent gezwungen, wie Sie soeben lesen konnten. Wäre ich nämlich nicht schon per se so ein Zeitorganisationstalent, würde ich überhaupt nicht die Zeit finden, mit ehrlicher Arbeit meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Ich will einfach nur ZEIT HABEN – und zwar so richtig verschwenderisch viel. Nicht, um sie ‘bestmöglich’ zu nutzen oder zu organisieren, wie mir diese Anleitungen immer weismachen wollen, sondern um gerade das eben nicht tun zu müssen. Nicht nur diese eine Stunde ‘mehr Zeit’, die ich dank der Zeitumstellung angeblich im Winter habe und die mir noch nie als Gewinn vorgekommen ist. Zumal ich mich frage, welcher Horn­ochse sich das eigentlich ausgedacht hat, die Umstellung zwischen zwei und drei Uhr nachts vorzunehmen, wenn sowieso jeder schläft. Da wäre es doch wirklich effizienter, wenn es zwischen zwei und drei Uhr mittags passieren würde. Geradezu herrlich wäre das – man geht um kurz nach zwei raus in die Mittagspause, trinkt gemütlich drei, vier Kaffee, geht danach noch kurz shoppen, guckt beiläufig auf die Uhr und es ist – zack – immer noch kurz nach zwei.
Beim genaueren Hinsehen scheint es beim Thema Zeit für mich irgendwie immer um die Gratwanderung zwischen Fremdbestimmung und Selbstbestimmung zu gehen und was ich mir wünsche, das ist viel, viel selbstbestimmte Zeit. Oder – um es mit den Worten von Astrid Lindgren zu sagen: „Und dann muss man ja auch noch die Zeit haben, um einfach nur dazusitzen und vor sich hin zu schauen!“

Regina Gross